Nach anderthalb Jahren hat er sein Referendariat an einer Schule im sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet erfolgreich beendet. Warum der junge Lehrer dieser Schule den Rücken kehrt und knapp 50 Prozent seiner ehemaligen Kollegen psychische Probleme bekommen haben, erzählt er im Interview.  

Gott und die Welt:
Hallo und herzlichen Dank für die Bereitschaft, das Interview zu führen. Willst du kurz etwas über dich erzählen?

Mark Becker[1]:
Guten Tag, ich bin Lehrer für Gesamtschulen und Gymnasien in NRW, der sein Referendariat an einer Gesamtschule im sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet absolvierte. Ich möchte auf die Zustände für Kollegeninnen und Kollegen aufmerksam machen, da die Politik meiner Meinung nach zu wenig unternimmt und Brennpunktschulen fast alleine dastehen, ohne Förderverein, ohne Unterstützung und nur noch nach Hilfe rufen. Die Schule ist in der Kategorie Standort 5[2] eingestuft, welcher das Einzugsgebiet darstellt. Das Milieu weist eine hohe Arbeitslosigkeit und einen sehr hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund auf.

GudW:
Wie ist es dir an dieser Schule ergangen?

Becker:
Ich habe schnell gemerkt, dass das Kollegium dort eine Einheit ist. So muss es an solch einer Schule auch sein, denn ohne Zusammenhalt des Kollegiums schafft man es nicht, getreu dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“. Man war sehr schnell integriert und es wurde auf Augenhöhe agiert, obwohl man ja erstmal Referendar war. Du konntest nicht nur über die Schule reden, sondern auch über private Dinge. Und aus meinen Mitreferendaren sind nach der Zeit gute Freunde geworden, weil das „Stahlbad“, Zitat von der Schulleitung, uns zusammengeschweißt hat. Die Schülerschaft mit knapp 87 Prozent Migrationshintergrund mit Clanstrukturen konnte man nur auf der sozialen Schiene erreichen, Druck mit Noten oder Sanktionen waren denen meisten egal: „Wallah, dann arbeite ich halt bei meinem Onkel.“

GudW:
War der hohe Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund eines der größten Probleme an der Schule? Und was bedeutet „Clanstrukturen“?

Becker:
Wenn Integration gewollt ist und auch vom Elternhaus praktiziert bzw. unterstützt wird, wäre der Anteil nicht wirklich relevant, aber der Wille war überhaupt nicht vorhanden. Hat man versucht zu Hause jemanden zu erreichen, kam man weder mit Deutsch oder einer anderen Sprache außer Arabisch zu einer Kommunikation. Dem Großteil der Eltern war es egal, wie sich ihr Kind in der Schule verhält, so ist es ja nicht zu Hause und nervt dort die Eltern.

Clanstrukturen bedeutet, dass es deutschlandweit agierende libanesische Großfamilien gibt, die einen gewissen Ruf pflegen und das Schulleben im Verborgenen mitgestalten. Zwangsverheiratung, Drogen- und Gewaltdelikte waren an der Tagesordnung. Klassenfahrten wurden über das Amt eingereicht und der Sozialstaat ausgeschöpft, aber das Kind hatte am nächsten Tag die neueste Wellensteynjacke, Markenschuhe und originale Rolexuhren und wurde vom neusten Mercedes oder BMW abgeholt.

GudW:
Stammten viele deiner Schüler aus diesen Clanstrukturen und wie genau haben sie das Schulleben im Verborgenen mitgestaltet? Kannst du da Beispiele geben?

Becker:
Ich hatte in einigen Klassen vier bis fünf Schüler, die miteinander verwandt waren. Es gab bestimmte Nachnamen, die bei der Schulleitung und den Kollegen bereits eine Wirkung erzielten, nach dem Motto, ok, bei denen musst du aufpassen, weil in der Vergangenheit bereits Dinge passiert sind, die nicht schön waren. Sie haben das Schulleben geprägt, indem sie Lehrer, die ihnen nicht gefallen haben oder schlechte Noten gaben, bedrohten: „Wissen Sie nicht, wie ich heiße und wer ich bin?“. Einigen Kollegen wurde nach der Schule aufgelauert und mit Gewalt gedroht, manche wurden geschlagen.

Da viele Schüler Ramadan praktizieren, musste die Cafeteria Schweinefleisch ganz aus dem Programm nehmen und Schüler, die Schwein in der Klasse auf ihren Broten aßen, wurden gemobbt und geschlagen. Auf Klassenfahrten haben sich mehrere Clans auf einer Hochzeit abgesprochen und sind am Tag der Abfahrt nicht angetreten, alle natürlich vorher vom Amt bezahlt. So mussten Fahrten abgesagt werden oder konnten nur mit einem Bruchteil realisiert werden.

Das sind nur die Dinge, die ich erfahren habe. Was sich hinter den Kulissen noch alles abspielte, wusste nur die Schulleitung wirklich.

GudW:
Welche Auswirkungen haben diese Zustände auf die Lehrkräfte?

Becker:
Weil viele Kollegen sehr oft gefehlt haben, sind extrem viele Unterrichtsstunden ausgefallen. Wir hatten Burnouts, psychische Probleme und komplette Selbstaufgaben, weil fast jede Stunde ein reiner Abnutzungskampf war und das hat man den Kollegen auch angesehen. Ein Kollege konnte nicht für Ruhe sorgen und hat sich dann Tablets aus eigener Finanzierung besorgt, als Beschäftigungstherapie für seine Klassen, weil ein normaler Stundenablauf für ihn nicht mehr realisierbar war.

GudW:
Wenn du schätzen müsstest, wie hoch ist der Anteil derer im Kollegium, die psychisch stark belastet sind? Und was war die schlimmste oder prägendste Situation, die du in der Schule erlebt hast?

Becker:
Nach intensiven Gesprächen mit vielen Kollegen würde ich auf knapp unter 50 Prozent schätzen, die durch die Schule aufgrund der Belastung psychische Probleme bekommen haben und entweder sehr oft krank sind oder kurz vor dem Burnout stehen. Die älteren Kollegen gehen lieber früher in Pension und verzichten auf Geld, anstatt bis zum Ende dort zu arbeiten.

Eine Situation war zum Beispiel der Elternsprechtag, den man nur mit einem Dolmetscher korrekt ausführen kann. Lehrerinnen wird die Hand nicht geben, sondern nur der Ellbogen, weil sie beim Elternklientel anscheinend kulturbedingt als minderwertig gelten und kein bisschen respektiert werden.

GudW:
Inwieweit hat die Kultur der Schüler etwas mit den beschriebenen Problemen zu tun?

Becker:
Die Kultur ist nicht das Problem. Es ist die bewusste Verweigerung zur Integration in die Gesellschaft. Sie müssen in ihrem Umfeld kein Deutsch sprechen, um ihren Alltag zu bewältigen. Die Schule versucht durch Kantinenangebote, Aufklärung und den Tag der offenen Tür, den Islam auch in den Unterrichtsalltag zu integrieren. Auch mit Projekttagen und Fahrten zu Moscheen und Gesprächen mit einem Imam.

GudW:
Hilft die schulische und unterrichtliche Integration des Islams, um das Schulklima zu verbessern?

Becker:
Inwieweit es tatsächlich hilft, kann man erst in einigen Jahren wirklich sagen, da die Integration seitens der Schule natürlich ein Prozess ist. Aber einen Schritt auf sein Schülerklientel zuzugehen, finde ich nicht verkehrt. Generell sind das Schulklima und der Ruf der Schule sehr negativ behaftet, da die Schule den meisten Schülern aus den Clans komplett egal ist, denn „Für was brauche ich das hier? Geh‘ ich zu meinem Onkel arbeiten und verdiene mehr als sie.“ Wie wichtig und wie stark der Einfluss solcher Strukturen in Deutschland ist, zeigt auch aktuell die Politik.[3]

GudW:
Was müsste von schulischer oder politischer Seite geschehen, um Schulen mit den von dir beschriebenen Problemen zu helfen? Du sagtest am Anfang unseres Gespräches, deine Ausbildungsschule stünde ganz alleine da.

Becker:
Die Schulleitung will derzeit an die Öffentlichkeit gehen, was in meinen Augen der richtige Weg ist. Es reicht aber nicht, wenn nur die Schule aktiv wird. Sowohl die Schule, als auch die Politik müssen gemeinsam einen „Fahrplan“ erstellen, der für Schulen an Brennpunkten Gültigkeit hat. Die Gelder bzw. der Verteilungsschlüssel für die Restaurierung, den Förderverein und neue Medien müssen fairer verteilt werden. Wie man die Probleme, die ich bereits oben erwähnte, an solchen Schulen beheben kann, das müssen leider andere entscheiden. Fakt ist, es ist nicht genug und es wird eher geschwiegen, als den Finger in die Wunde zu legen.

GudW:
Wieso wird eher geschwiegen, als an die Öffentlichkeit zu gehen mit diesen Problemen?

Becker:
Es wird versucht, Aufmerksamkeit zu erzeugen, aber die höheren Instanzen lassen es aktuell erstmal weiterlaufen. Es würde ja ein schlechtes Bild auf die aktuelle Schulpolitik in NRW werfen und das kann ja nicht im Sinne der aktuellen Regierung sein. Vielleicht haben die Schulen auch Angst vor Drohungen und Vandalismus ihrer bereits maroden Gebäude, wenn sie die Lage an Brennpunktschulen darlegen. Die Bundesregierung hat es ja auch versäumt, etwas gegen die Clans zu unternehmen, die nun über großen Einfluss verfügen und ihre Mafiastrukturen in Ruhe aufbauen konnten.

GudW:
Bist du nach deinem Referendariat an dieser Schule geblieben?

Becker:
Wir hatten Angebote erhalten, aber keine feste Planstelle, sondern erstmal nur Vertretungsstellen. Darum war das für keinen von uns eine Option. Obwohl das Kollegium und die Ausbildungszeit wirklich durch großen Zusammenhalt geprägt waren, bin ich weitergezogen, da ich gesehen habe, was das mit der eigenen Gesundheit und Psyche macht. Darum habe ich dieses Kapitel geschlossen und fange einen neuen Abschnitt in einer anderen Stadt und Schule an.

GudW:
Ich bedanke mich für die Offenheit und das interessante Gespräch!

Becker:
Vielen Dank und einen angenehmen Tag!

_____________________________________________________________________________________________________________

Fußnoten:

[1] Der Name wurde auf Wunsch des Interviewpartners anonymisiert.

[2] Im Schulstandorttypenmodell werden der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund, der Anteil von Arbeitslosen sowie SGB II-Empfängern unter 18 Jahren im regionalen Umfeld auf der Basis amtlicher Statistikdaten beschrieben und in fünf Stufen typologisiert.

[3] Becker verweist auf den folgenden Fall: https://www.focus.de/politik/deutschland/indirekt-morddrohungen-gegen-experten-nach-abrechnung-mit-libanesen-clans-berliner-experte-ghadban-steht-unter-polizeischutz_id_10673923.html

6 Kommentare
  1. Anna-Luisa
    Anna-Luisa sagte:

    Was ist aus den Deutschen geworden? Es ist ganz klar, wenn wir die U-Rolle einnehmen, dann werden wir von solchen Macho-Kulturen angegriffen. Das sollten die Deutschen langsam begreifen. Die U-Rolle nehmen wir an, weil man uns die letzten 30-40 Jahre explizit eingeredet hat, dass wir alle eine tiefe Schuld an den Verbrechen der Nazis haben. Der Koran sagt: Wir müssen nicht für die Sünden der anderen büssen. In den letzten 30-40 Jahren sind massenhaft Holocaust Gedenkstätten entstanden. Ich bin der Meinung hier wird langsam etwas übertrieben und man will die Deutschen klein machen und klein halten. Was soll das bringen?

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  2. Norbert Schulz
    Norbert Schulz sagte:

    In meiner Schulzeit an einem math.nat.wiss.Gymnasium in Ba-Wü von 1969-1978 gab es einen Sportlehrer.Sein Verhalten wäre einem Exerzierplatz des Militärs angemessen gewesen.Da hat garantiert keiner aufgemuckt.
    Er ließ die Schüler beim Sportunterricht sich so verausgaben, dass garantiert keiner auf dumme Gedanken gekommen ist o.ä.Auch ohne körperliche Übergriffe von ihm hat es niemand gewagt gegen ihn aufzubegehren.Solche Lehrer bräuchte man in der beschriebenen Schule in NRW.

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  3. Pan Tau
    Pan Tau sagte:

    „Die Kultur ist nicht das Problem. Es ist die bewusste Verweigerung zur Integration in die Gesellschaft.“

    Der interviewte Lehrer hat offenbar trotz intensiven Einblicks nicht mal die gröbste Einsicht erlangen können. Ich zweifle an seinem Verstand, sorry. Diese Probleme gibt es offenkundig nur im islamisch-arabischen Kulturkreis. „Den Westen“ als Gegner u. Feind anzusehen, hat ja schon Koopmans unter europäischen Muslimen ermittelt. Offenbar hat dieser Kulturkreis den Umkipp-Punkt zu einer faschistischen Ideologie überschritten. Das sollte man mal zur Kenntnis nehmen.

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  4. Plebs
    Plebs sagte:

    „Wenn Integration gewollt ist und auch vom Elternhaus praktiziert bzw. unterstützt wird, wäre der Anteil nicht wirklich relevant, …“
    Ich bin weit davon entfernt mir anzumaßen einem Lehrer zu sagen wie er seine Arbeit zu machen hat. Aber mit allem Respekt: Ich halte diese Aussage für GRUNDFALSCH. Der Klassenverband als kleinste soziale Einheit für einen jugendlichen Ausländer – außerhalb seiner Freizeit – kann nicht integrativ funktionieren, wenn er überwiegend aus anderen Ausländern besteht. Und ich halte DAS für ein bundesweites Grundproblem.

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