Ein Gespräch mit Raya, die sich nach ihren Erfahrungen in ihrem Geburtsort Saudi-Arabien und ihrer Beschäftigung mit den aufklärerischen Dichtern und Denkern Deutschlands als „radikal proaufklärerisch“ definiert und sich das auch von ihrem neuen Heimatland Deutschland gewünscht hätte. Insbesondere ist sie vom hiesigen Umgang mit dem Islam enttäuscht.
Felix:
Hallo Raya! Danke, dass du dich zu dem Interview bereiterklärt hast. Möchtest du kurz etwas zu deiner Person sagen?

Raya:
Hallo Felix! Danke für das Interview. Zu meiner Person: Ich bin ursprünglich aus Al-Riyadh (Saudi-Arabien), wo ich geboren und aufgewachsen bin. Meine Familie – genauer gesagt: meine Mutter – war Apostatin. Wir hatten einen schweren Status innerhalb der Gesellschaft. Ich wollte gerne Mathematik studieren und schrieb mich, wider Studienverbots für Frauen, an der Universität ein, wofür ich verurteilt wurde. Trotz meiner Zwangsheirat schätzte ich mich glücklich, einen sehr unterstützenden Ehemann zu haben, welcher mir dabei half, an die Universität zu gelangen. Nachdem mein Mann allerdings an Altersschwäche starb und meine Mutter verurteilt wurde, kam ich zunächst als Touristin nach Deutschland, suchte mir einen Job um zu bleiben. Hier habe ich Mathematik und CompSci studiert, was ich mittlerweile auch, neben unserem Forschungsprojekt, unterrichte. Deutschland habe ich bewusst ausgesucht. Bereits als Kind faszinierte mich die deutsche Aufklärung und Schriften von Kant, Schiller und Hegel beschafften wir uns illegal auf dem Schwarzmarkt, damit ich sie lesen konnte. Ich hatte ein sehr idealisiertes Bild von einem aufgeklärten, progressiven, antireligiösen Deutschland.

Felix:
Seit wie vielen Jahren bist du nun in Deutschland und inwieweit entspricht es deinem aufgeklärten, progressiven und antireligiösen Bild eines Landes der aufklärerischen Dichter und Denker?

Raya:
Ich wollte schon als Kind hierher und habe deutsche Aufklärungsbücher vom Schwarzmarkt geholt (weil illegal, da Blasphemie). Goethe, Kant, Schiller, das waren meine Helden. So habe ich auch Deutsch gelernt. Ich habe Deutschland vergöttert. Für seine Aufklärung. Für seine Werte. Ich war enttäuscht, hierher zu kommen und zu sehen, wie die Werte, die dieses Land ausmachen, nur noch wenigen etwas bedeuten. Dass heute keine Frauen mehr als Hexen verbrannt werden, ist der Aufklärung geschuldet. Die katholische Kirche hat ihre Macht nicht freiwillig eingeschränkt, sondern durch Zwang. Gleichzeitig gibt es Länder, in denen Mädchen mit 11 heiraten, mit 12 schwanger sind, nicht studieren dürfen. Und Menschen aus diesen Ländern fliehen hierher, weil sie in den aufklärerischen Werten leben möchten. Die meisten möchten jedoch ihr gutes Weltbild wahren. Statt die Aufklärung gegenüber einer rechtsextremistischen und zivilisationsfeindlichen Ideologie zu verteidigen, geben sie ihr Freifahrtscheine, verraten diese Werte, ordnen sich unter. Meist entweder aus Bequemlichkeit oder aus Angst, als „fremdenfeindlich“ beschimpft zu werden.

Felix:
Deine Enttäuschung scheint sich maßgeblich auf den Umgang Deutschlands mit dem Islam zu beziehen. Kannst du ein Beispiel geben?

Raya:
Sehr häufig ist der angegebene Grund, warum man islamistischen Faschismus nicht nur toleriert, sondern sogar sehr offen befürwortet, man sei „antifaschistisch“ und der Islam sei fremd, könne gar nicht faschistisch sein, da das eine weiße Erfindung sei. So in etwa. Islamistische Angriffe werden durch die Medien bewusst entweder verheimlicht, oder umgeschrieben. Aus einem Jihadisten, der eine Frau ermordet, weil sie dem islamistischen Bild einer Sexsklavin entspricht (ohne Kopftuch) wird dann ein „geborener Deutscher, der leichte Körperverletzung begeht“. Nach einem islamistischen Angriff verbünden sich Menschen zu Massen unter einem Hashtag gegen jene, die gegen islamistischen Terror protestieren, angeblich um „Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen“. Das ist Unsinn – wer gegen den Islam protestiert, protestiert nicht gegen „Fremde“, sondern gegen Faschismus, gegen die Unterdrückung der Freiheit und gegen die Fremdenfeindlichkeit. Sich mit diesem zu solidarisieren, bedeutet, die Lage der Menschen in bspw. Saudi-Arabien gutzuheißen. In den Medien wird der Hijab beworben – ein Symbol der bedingungslosen Unterwerfung der Frau. Ironischerweise durch Feministen, die daraus eine Art „Symbol der Freiheit“ machen. Ob Frauen aus Iran und Saudi-Arabien das genauso sehen, ist zu bezweifeln. Die Verharmlosung des Hijab fängt schon da an, wo wir es als „Kopftuch“ bezeichnen und damit auf eine Ebene mit dem Modekopftuch der 1950er stellen – was sogar häufig durch Islamrelativisten gemacht wird. Ich weiß nicht, ob man die eigene Freiheit nur dann schätzen kann, wenn man sie nie hatte. Ob ich nur so radikal proaufklärerisch werden konnte, weil ich weiß, wie es ist, als Apostatin in Saudi-Arabien zu leben und zu fliehen. Ob die Verbrüderung des Islam einiger Symptome einer Art Wohlstandsverblödung sind, die in ihm Aufregung in ihrem langweiligen bürgerlichen Leben sehen. Fest steht aber, dass diese Welle der Re-Religiösierung unserer Gesellschaft und die antiaufklärerischen Bewegungen (nicht nur im Proislamismus, sondern bspw. auch in der Genderismusbewegung, die mit dieser sehr viele Gemeinsamkeiten vertritt) uns als Gesellschaft in die Voraufklärung katapultieren wird, wenn wir den Ernst der Lage nicht erkennen.
Jedenfalls gibt es in Saudi-Arabien viele, die die Aufklärung vertreten und für diese kämpfen, während es in Europa viele gibt, die sie verachten. Während Menschen in Saudi-Arabien gegen den Hijab protestieren, fordern hier jene den Bau weiterer Moscheen. Die „Herkunft“ lässt sich nicht mehr einfach am Geburtsort festmachen. Vielmehr sind es Werte, die wir vertreten, welche definieren, zu welcher Gruppe wir uns verbunden fühlen.

Felix:
Und trotzdem hat spätestens seit 2015 mit der AfD eine Partei an Stimmen gewonnen, deren Repräsentanten und Mitglieder die Herkunft überwiegend sehr wohl am Geburtsort festmachen, indem sie Parolen wie „Deutschland den Deutschen!“ feiern. Hast du hier aufgrund deiner Herkunft bereits Diskriminierungserfahrungen machen müssen?

Raya:
Ja, die habe ich gemacht – aber hauptsächlich online. Für so manchen Rechten bin ich dann die, die „froh sein soll, dass sie hier leben darf“ und für die Linken der “ Quotenkanacke der AfD“ (sic). Beide sind sich darin einig, mich in eine Gruppe zu stecken und mir meine Individualität zu entziehen. Noch bevor ich „Kanacke“, Frau oder sonstwas bin, bin ich Raya. Diesen Individualismus der Aufklärung halte ich für verteidigenswert.

Felix:
Der Philosoph Alexander Grau führt den Individualismus in seiner postmodernen Ausgestaltung als Ursache dafür an, dass die Moral zum Religionsersatz und politisiert wird. Die festen gesellschaftlichen Strukturen, die Menschen früher Halt gaben, seien es Rollenbilder, die Kirche oder auch die Familien, brechen nach und nach weg. Anstelle dessen tritt eine neue Hypermoral, die Identität stiftet und dem Individuum Sicherheit bietet. Brauchen wir gesellschaftlich einen Mittelweg zwischen dem stark kollektivistischen und traditionell geprägten Saudi-Arabien und dem individualistischen und bisweilen moralistischen Deutschland?

Raya:
Ich denke nicht, dass die Postmoderne dem Individualismus gleichzusetzen ist. Vielmehr ist er in seinem Kollektivismus dem religiösen und moralistischen Gesellschaftsbild sehr ähnlich. Der Individualismus hingegen stellt das Gegenstück dazu dar. Kollektivismus kann nie zu etwas Gutem führen, da er immer davon ausgeht, das Individuum seiner Individualität zu berauben und ein arbiträres „Gemeinschaftsinteresse“ überzuordnen – sei es bei der Terreur der Französischen Revolution, dem Stalinismus, Hitlerismus, Maoismus, Jihadismus oder die postmoderne westeuropäische Strömung. Der Moralismus Deutschlands ist keineswegs aus dem Individualismus erwachsen, sondern aus der kollektivistischen intersektionalen Strömung der Postmoderne.

Felix:
Alexander Grau würde darauf wohl erwidern, dass der postmoderne Kollektivismus aus einem Zuviel und einer Ideologisierung des Individualismus folgt. Ist ein „Zuviel an Individualismus“ deiner Meinung nach möglich? Wie stehst du vor dem Hintergrund deiner Erfahrungen in Saudi-Arabien beispielsweise zu Traditionen oder Patriotismus in Deutschland?

Raya:
Ich denke, dass Paracelsus recht behielt, als er sagte, alles beinhalte Gift, die Dosis mache das Gift aus. Im Konfuzianismus spricht man von der Harmonie gegensätzlicher Seiten, welche als Grundnorm der Gesellschaft gilt. Um tatsächlich eine Art Harmonie herzustellen, braucht es einen Einklang aus Individualität und Gemeinschaftsbewusstsein. Weder die Tyrannei über den einzelnen, noch extreme Rücksichtslosigkeit und Egoismus können der wahre Weg hin zu einer harmonischen Gesellschaft sein.
Zur zweiten Frage: Saudi-Arabien würde ich als sehr traditionell beschreiben, aber gleichzeitig – zumindest technologisch – auch als sehr fortschrittsorientiert. Generell halte ich manche Wege, die dort eingeschlagen werden, für nicht allzu schlecht, wie eben bspw. der Fokus auf die Digitalisierung, der hierzulande fehlt. Patriotisch wäre der falsche Begriff, zumindest wenn man darunter eine übermäßige Liebe zum Land empfindet. Diese kann ich den Menschen dort nicht zuordnen. Wenn man allerdings die Religion als stellvertretend für das Land definiert, ist der durchschnittliche Saudi extrem patriotisch. Jedoch ist auch dieser Patriotismus differenziert zu betrachten. Während das Moralempfinden des „niederen Bürgers“ durchaus höher ist und man den Qur’an für unumstößlich hält, legitimiert sich eine Frau der Oberschicht durch ihr Milieu, auch ohne Hijab in der Öffentlichkeit zu sein. Letztlich sind die Oppressionsmechanismen zwar durch die Religion erfolgend, allerdings in den Milieuunterschieden begründet.

Felix:
Kann die Bildung also in Saudi-Arabien und in Deutschland ein Teil der Lösung sein?

Raya:
Mangel an Bildung kann Teil des Problems sein. Allerdings sind es nicht ausschließlich Menschen mit einem Mangel an Bildung, welche totalitären Systemen nachlaufen. Die Wahhabs haben viele Gelehrte als Unterstützer, im Nationalsozialismus gab es viele intellektuelle Nazis und besonders heutzutage findet sich die Liebe zu totalitären Systemen und Ideologien hauptsächlich im Akademikertum. Das gefährliche an Ideologien ist, dass man mit ihnen nicht räsonieren kann. Sie vom Gegenteil zu überzeugen, ist unmöglich. Was die heutigen Ideologien aber von denen der Vergangenheit – bspw. dem Stalinismus – unterscheidet, ist, dass der Stalinismus einen Überlebenswillen hatte und man auf dieser Basis Verhandlungen führen konnte. Der Grund, warum der MAD (mutual atomic destruction) letztlich nicht eintrat, der Kalte Krieg also nicht zu einem heißen wurde, ist, dass man den Sowjets vertraute, ihr Wort und ihre Verträge zu halten und an ihren Überlebenswillen glaubte. Ich bin überzeugt, dass allein die Angst vor der eigenen Zerstörung letztlich die Welt vor einem heißen Krieg rettete. Mit den heutigen Ideologen ist das jedoch anders. Ihr Wort gilt nicht und ist bestenfalls Phrasenpolitik. Einen Überlebenswillen haben sie ebenfalls nicht. Im Gegenteil: die Bereitschaft zur Selbstvernichtung macht sie so unberechenbar und gefährlich. Da allerdings die Menschheit als Spezies einen biologisch bedingten Überlebenswillen besitzt – alles andere wäre unwissenschaftlich – bin ich überzeugt davon, dass auch die Krankheit, welche gerade umgeht, sich bald legen wird. So wie die Aufklärung die Macht der katholischen Kirche einstürzen ließ, bin ich überzeugt von einer Renaissance der Aufklärung, die unsere moderne Anti-Aufklärung beenden wird.

Felix:
Raya, herzlichen Dank für das Gespräch!

Raya:
Ich danke dir für das Interview, lieber Felix!

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