Nachhaltiger Konsum liegt im Trend. Verbraucher machen sich zunehmend Gedanken, durch welches Kaufverhalten sie ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren können. Das Studium und der Vergleich von Produktionsmethoden ist aber meistens schwierig. Der erforderliche Aufwand dafür schreckt ab. Dabei hilft oft ein einfacher und effektiver Trick: der Blick auf das Preisschild. Ressourcen (inkl. Energie und Arbeitskraft) kosten Geld, und zwar umso mehr, je knapper und essenzieller. Der Ressourcenverbrauch schlägt sich im Preis nieder. Günstige Preise sind nur dank ressourcenschonender Produktion möglich. Sofern keine Faktoren wie giftige Abfälle im Spiel sind, ist das günstigere und ressourcenschonendere Produkt fast immer gleichzeitig auch das umweltfreundlichere.

Ein Beispiel für das Prinzip ist die Debatte um regional produzierte Lebensmittel. Locavoristen erklären, dass der regionale Anbau und Verkauf von Produkten weniger Treibstoff verschwendet und eine insgesamt effizientere Art und Weise ist, den Planeten zu ernähren, weil Lebensmittel nicht über weite Strecken transportiert werden müssen. Gleichzeitig unterstützen sie lieber einen kleinen Landwirt aus ihrer Heimat statt eines internationalen Konzernes.

In Wahrheit ist die Landwirtschaft in weit entfernten Ländern, in denen es weitaus bessere Anbaubedingungen gibt, aber oft viel billiger und effizienter. Beispielsweise gedeihen Tomaten sehr gut in Spanien, benötigen im Vereinigten Königreich aber beheizte Gewächshäuser. Es ist insgesamt viel energieeffizienter, Tomaten in Spanien anzubauen und sie dann nach Großbritannien zu verschiffen, als sie dort vor Ort zu produzieren.[1]

Neuseeland verfügt über die weltweit effizienteste Schaf- und Milchindustrie, vor allem wegen der klimatischen und vegetativen Bedingungen, die ganzjährige Weidehaltung ermöglichen. Lamm, das auf Neuseelands kleebedeckten Weiden aufgezogen und 17.000 Kilometer per Schiff nach Großbritannien transportiert wird, produziert 690 Kilogramm Kohlendioxidemissionen pro Tonne, während britisches Lamm 2.850 Kilogramm Kohlendioxid pro Tonne produziert. Das liegt unter anderem daran, dass karge britische Landschaften die Viehzüchter zur Verwendung von Futtermitteln zwingen. Mit anderen Worten: Es ist viermal energieeffizienter für einen Londoner, vom anderen Ende der Welt importiertes Lammfleisch zu erwerben als solches von einem Produzenten vor seiner eigenen Haustür. [2]

Kalifornische Erdbeeren werden das ganze Jahr über unter fast idealen Bedingungen angebaut (weder zu feucht noch zu heiß). Daher betragen die Erträge in Kalifornien über 34.000 Kilogramm Erdbeeren pro Hektar, in Ontario aber lediglich 2.000 Kilogramm. Deshalb werden Treibstoff, Kapital, Maschinen und andere Ressourcen im kalifornischen Erdbeer-Landbau wesentlich effizienter eingesetzt. Wie inzwischen in der Fachliteratur umfassend dokumentiert, gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Lebensmittelkilometern und Umweltbelastung.

Weitere überraschende Fakten:

Die größten Treibhausgasemissionen des Lebensmitteltransports entstehen auf den Einkaufstouren von autofahrenden Verbrauchern. Der Transport in supereffizienten dieselbetriebenen Containerschiffen, Traktoranhängern oder sogar Flugzeugen erfordert viel weniger Energie pro Apfel, Kartoffel oder Lammkotelett, auch wenn dort die zurückgelegte Strecke viel größer ist.

So fallen beispielsweise 82 % der geschätzt 50 Milliarden Transportkilometer, die im Zusammenhang mit im Vereinigten Königreich konsumierten Lebensmitteln gefahren werden, innerhalb des Vereinigten Königreichs an, wobei der Autoverkehr vom Supermarkt bis nach Hause 48 % und der Schwerlastverkehr (inkl. Lkw und landwirtschaftliche Traktoren) 31 % der Transportkilometer ausmacht. Der Luftverkehr macht weniger als 1 % der Lebensmittelkilometer aus. Im schlimmsten Fall emittiert ein britischer Verbraucher, der 10 Kilometer zum Einkauf kenianischer grüner Bohnen fährt, mehr CO2 pro Bohne, als bei deren Transport per Flugzeug von Kenia nach Großbritannien emittiert wurde. [3]

Das Locavorismus-Argument impliziert die Annahme, dass ein „relokalisiertes“ Ernährungssystem genauso effizient oder sogar effizienter sein kann als die moderne industrialisierte Landwirtschaft. Diese Annahme ist komplett falsch. Die heutigen hohen Ernteerträge und niedrigen Kosten spiegeln Gewinne aus Spezialisierung und Handel sowie Skalen- und Verbundeffekte wider, die durch ein regionales Produktionssystem aufgegeben würden.

Die Argumente für den Kauf regionaler Nahrungsmittel stehen im Widerspruch zum Prinzip des komparativen Vorteils, das Ökonomen seit fast 200 Jahren als einen der wichtigsten Faktoren für wirtschaftlichen Wohlstand und Effizienz identifizieren. Der freie Handel ermöglicht es jedem, diejenigen Waren oder Dienstleistungen zu produzieren, bei denen er einen komparativen Vorteil hat, wodurch quasi jeder Mensch höheren Wohlstand genießt. Paul Krugman bezeichnete das Konzept des komparativen Vorteils einmal als „Ricardos schwierige Idee“, weil so viele Nicht-Ökonomen nicht willens sind, es zu begreifen. Wäre das Prinzip des komparativen Vorteils besser verstanden, würde der Impetus zum Kauf regionaler Produkte größtenteils verschwinden. [4]

Die energieintensivsten Segmente der landwirtschaftlichen Produktionskette haben nichts mit Transport zu tun, sondern liegen in der Produktionsphase (Düngemittel, Pestizide, Bewässerung, Energie für den Betrieb von Maschinen). So führt beispielsweise die starke Abhängigkeit Kanadas von Gewächshäusern oder Kühlraumtechnik zu einem deutlich höheren Energieverbrauch als die Produktion unter freiem Himmel in günstigeren Klimazonen. Diese Unterschiede übertreffen den Energiebedarf beim Transport landwirtschaftlicher Produkte nicht selten um eine ganze Größenordnung. Darüber hinaus ist die Konzentration der landwirtschaftlichen Produktion auf die günstigsten Regionen – im Gegensatz zur Verdünnung ihrer Auswirkungen über größere Gebiete hinweg – der beste Weg zur Vermeidung von Umweltzerstörung, da so der Flächenverbrauch minimiert wird. [3]

Die Wohlfahrtsgewinne aus Spezialisierung und Handel sind vielleicht nirgendwo stärker als in der Landwirtschaft, wo die Produktionskosten stark von der natürlichen Ressourcenausstattung abhängen, darunter Temperatur, Niederschlag, Sonnenlicht, Bodenqualität, Schädlingsbefall und Grundstückspreise. Unterschiedliche Kulturpflanzen erfordern unterschiedliche Bedingungen und unterscheiden sich in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Schocks. Zum Beispiel werden in Kalifornien mit seinen milden Wintern, warmen Sommern und fruchtbaren Böden alle in den USA angebauten Mandeln und 80 % der Erdbeeren und Trauben produziert. Idaho hingegen produziert 30 % der Russetkartoffeln des Landes, denn warme Tage und kühle Nächte während der Saison sorgen in Kombination mit nährstoffreichen vulkanischen Böden für ideale Wachstumsbedingungen. Laut USDA lag Idaho im Jahr 2008 im Durchschnitt bei 38,3 Tonnen Kartoffeln pro Hektar. Alabama hingegen erreichte im Durchschnitt nur 17 Tonnen pro Hektar. Wen verwundert es, dass in Idaho viel mehr Kartoffeln als in Alabama produziert werden? Sollte man das ändern?

Wenn man komparative Vorteile und Skaleneffekte in der Landwirtschaft durch Regionalisierung aufgibt, werden mehr Inputs benötigt, um die gleiche Menge Nahrungsmittel zu produzieren, darunter mehr Land und mehr Chemikalien – was alles mit Kosten in Form höherer CO2-Emissionen und Umweltschäden verbunden ist. Der Verbrauch an Kapital, Energie und Ressourcen und die Emission von Treibhausgasen durch den Transport von Lebensmitteln sind winzig im Vergleich dazu, was bei der Produktion anfällt. Nur 4 % der Ausgaben für Lebensmittel sind auf die Transportkosten nach der Ernte zurückzuführen. Über 80 % des globalen klimatischen Impacts des Lebensmittelkonsums treten auf dem Bauernhof auf und nur 10 % beim Transport. [5]

Wenn jeder Bundesstaat der USA versuchen würde, seine Nachfrage nach Mais und Soja durch eigene Produktion zu decken und so Handel überflüssig zu machen, würde die Maisanbaufläche um 27 % oder 22 Millionen Hektar und die Sojafläche um 18 % oder 14 Millionen Hektar zunehmen. Der Düngemitteleinsatz würde bei Mais um mindestens 35 % und bei Sojabohnen um 54 % steigen, der Kraftstoffverbrauch um 23 % bzw. 34 % und der Verbrauch von Chemikalien um 23 % bzw. 20 %.

Um das aktuelle Produktionsniveau der 40 wichtigsten Feldfrüchte und Gemüse aufrechtzuerhalten, würde ein locavoristisches Produktionssystem 60 Millionen Hektar Ackerland, 2,7 Millionen Tonnen Düngemittel und 23 Millionen Kilogramm Pestizide zusätzlich verbrauchen. Die Veränderungen in der Landnutzung und die steigende Nachfrage nach kohlenstoffintensiven Inputs würden tiefgreifende Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck unserer Lebensmittel haben, Lebensräume zerstören und die Umweltbelastung vergrößern. [6]

Außerdem ist erwähnenswert, dass der Locavorismus noch nicht einmal theoretisch die grundlegende Philosophie der globalen Nahrungsmittelproduktion und -verteilung sein kann. In vielen Ländern kann der Großteil der von der Bevölkerung benötigten Lebensmittel nicht effizient oder sogar überhaupt nicht produziert werden.

Es ist in Ordnung, wenn jemand gerne regionale Lebensmittel kauft, aber man sollte nicht so tun, als würde man das aus ökologischen, humanitären oder moralischen Gründen machen und vor allem andere nicht zwingen, die gleiche Entscheidung zu treffen. Locavorismus kann aus Gründen der politischen Ideologie Sinn ergeben. Oder wenn jemand das Gefühl hat, dass manche regionale Lebensmittel besser schmecken oder frischer sind. Aber es hilft nicht der Umwelt, reduziert nicht den CO2-Fußabdruck der Landwirtschaft, reduziert nicht den Energie- und Ressourcenverbrauch, ist nicht gesünder und hilft weder der lokalen Wirtschaft noch den Armen in der Welt. Oftmals ganz im Gegenteil.

Es gibt oft eine romantische Folklore um regionale Produkte, aber in der Realität zerstört regionaler Konsum Wohlstand, schädigt die Umwelt und diskriminiert bzw. bevorzugt Menschen basierend auf willkürlichen Kriterien wie dem Standort ihres Ackers. Regionale Konsumenten bilden sich ein, ein Gefühl der Gemeinschaft und „Zugehörigkeit“ zu fördern. Aber seinen Konsum auf regionale Produkte zu beschränken, grenzt die eigene Gemeinschaft auf diejenigen ein, die wir physisch sehen und beschränkt Vertrauen auf diejenigen, die wir persönlich kennen können. Ein in die globale Nahrungskette eingebundener Käufer ist hingegen Teil einer viel größeren Gemeinschaft. Wenn wir die zivilen Tugenden des Vertrauens, der Gemeinschaft, der Kooperation und der Zusammenführung der Menschheit fördern wollen, ist die Ideologie des regionalen Konsums ein Schritt genau in die falsche Richtung. Im Endeffekt handelt es sich um nicht viel mehr als Tribalismus. [7]

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Quellen:

[1] http://randd.defra.gov.uk/Default.aspx?Menu=Menu&Module=More&Location=None&Completed=0&ProjectID=15001

[2] http://www.nytimes.com/2007/08/06/opinion/06mcwilliams.html

[3] http://www.perc.org/articles/food-mile-myths-buy-global

[4] http://econlib.org/library/Columns/y2011/LuskNorwoodlocavore.html

[5] http://freakonomics.com/2008/06/09/do-we-really-need-a-few-billion-locavores/

[6] http://freakonomics.com/2011/11/14/the-inefficiency-of-local-food/

[7] https://skeptoid.com/episodes/4162

 

 

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