Es ist laut in Deutschland. Wortgerangel übertönt Taten und Inhalte. Chemnitz und Maaßen haben gezeigt, woran es derzeit mangelt und was hingegen im Überfluss vorhanden ist in der hiesigen politischen und kulturellen Landschaft: Hier tobt ein semantischer Streit über Hetze und Hetzjagd. Dort rügt eine Bundesfamilienministerin wegen einer angeblichen Verrohung der Sprache Parteifreunde und Gegner. Dann platzt einer Literaturnobelpreisträgerin der Kragen wegen des Begriffs „Lügenpresse“. Und schlussendlich sagt der niedersächsische Innenminister, gewisse Begriffe – oder Gefasel, in seinen Worten – hätten es nun bis in die Mitte der Gesellschaft geschafft, obwohl sie viele Jahre verpönt gewesen seien. Und das dürfe man nicht dulden. Mich stört hier zweierlei: einerseits, dass zuviel Wind um einzelne Wörter oder Phrasen gemacht wird und andererseits, dass man denkt, dem Ganzen mit Vertreibung und Verboten beikommen zu müssen – und zu können.

Denn die harte Wahrheit ist, wenn man unzähligen Psychologen und Forschern glauben will: Die angemahnten Wörter und die mit ihnen verbundenen Emotionen und Gedanken waren nie wirklich weg. Und wenn das jemand behauptet, dann hat dieser Jemand nicht die geringste Ahnung von Psychologie und vom Menschsein. Diese Angst vor Wörtern und ja, auch Meinungen, setzt sich fort und durch alle Reihen, mündet in NetzDG und Niedergebrüll von Andersdenkenden und -sagenden. Sie führt zu einem Minenfeld, das hochgeht und jeden Inhalt übertönt. Und sie löst – nichts.
Dass man sich wundert, dass diese Wörter ihre Chance auf ein Revival sehen und nutzen, verwundert mich. Wer dachte, dass man mit Druck und Verboten Dingen beikommen kann, die dem Menschen eigen sind, der irrt auf naivste Art.

Besonders frappierend ist m.E. der Umstand, dass man so tut, als seien „rechte Wörter“ lediglich Gestalten eigen, die eine Minderheit bildeten (und es diese zu bekämpfen gilt). „Wir sind mehr“ als Antwort auf Chemnitz sagt schon alles. Doch hatte unlängst der Angstforscher Borwin Bandelow kundgetan, was etliche Kollegen vor ihm schon wussten: „Fremdenangst steckt in jedem von uns“ und auch „Vor Hunderttausend Jahren war es überlebensnotwendig, Furcht vor Fremden zu haben. Man hat sich deswegen zu Stämmen zusammengeschlossen, um sich vor den Anderen zu schützen, die mit der eigenen Gruppe um Territorium und Nahrung konkurriert haben. Menschen, die dieses Stammesdenken nicht in den Genen hatten, sind nach und nach ausgestorben.“

Völlig verständlich, dass mit einer Vergangenheit, wie sie im Deutschland in den 30er und 40er Jahren stattgefunden hat, höllische Angst vor solchen Gedanken und Gefühlen herrscht. Der Umgang mit dieser Angst ist aus meiner Sicht indes falsch. Da meint man, man müsse ganz laut dagegen ankämpfen. Mit Gebrüll und Verboten. Schattenangst nennt man das auch. Doch wie stellte der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung dazu einst treffend fest? „Der Schatten ist alles das, was du auch bist, aber auf keinen Fall sein willst.“
Eine Verdrängung zöge laut ihm pathologische Folgen nach sich. So erklärte er unter anderem die Entstehung von Angststörungen oder gar Psychosen, die auch in Gewalt ausarten konnten. Hierzu Jung: „Jedermann ist gefolgt von einem Schatten, und je weniger dieser im bewußten Leben des Individuums verkörpert ist, umso schwärzer und dichter ist er. Wenn eine Minderwertigkeit bewußt ist, hat man immer die Chance, sie zu korrigieren. Auch steht sie ständig in Berührung mit anderen Interessen, sodaß sie stetig Modifikationen unterworfen ist. Aber wenn sie verdrängt und aus dem Bewußtsein isoliert ist, wird sie niemals korrigiert. Es besteht überdies die Gefahr, daß in einem Augenblick der Unachtsamkeit das Verdrängte plötzlich ausbricht. Auf alle Fälle bildet es ein unbewußtes Hindernis, das die bestgemeinten Versuche zum Scheitern bringt.“

Wörter, Worte und Gedanken zu akzeptieren und sie zuzulassen bedeutet nicht, sie gutzuheißen. Die Schlussfolgerung oder gar Lösung ist also nicht, alle gesagten Worte und gedachten Gedanken in die Tat umzusetzen, weil sie ja zum Menschsein dazugehören. Aber es sollte Aufgabe der Politik sein, hinter das Gesagte zu schauen, um Probleme zu lösen, indem sie versteht, woher Wörter kommen, und seien sie noch so dumm, naiv, peinlich oder gar hassgetränkt.

Frank Capellan vom Deutschlandradio titelte in einem Kommentar über die vergangene wortreiche parlamentarische Woche mit „Sternstunde im Bundestag“. Er kommentierte aber auch: „Den Reden müssen Taten folgen. Abschiebungen durchsetzen, Anker-Zentren einrichten, sichere Herkunftsstaaten benennen, schnell über Asylanträge entscheiden. Es gäbe so viel anzupacken, um der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen. So wohltuend die Leidenschaft in der Debatte war – von Nöten ist sie jetzt vor allem, wenn es darum geht, Probleme endlich zu lösen.“

Ich sehe das auch so. Lasst die Worte frei und beiseite, sie sind symptomatische Nebenschauplätze. Was zählt, sind Taten.

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Disclaimer

Ich meine das wortwörtlich so, dass man Wörter (und auch Gesten) nicht gutheißen muss, um sie zuzulassen und zu akzeptieren. Ich selbst war mehrfach Opfer rassistischen Handelns und sogar rassistischer Gewalt. Ich werde mich aber immer dafür einsetzen, dass jeder das sagen darf, wonach ihm ist. Das ist gelebte Freiheit, aber auch ein Stück Sicherheit. So sieht und hört man schon von Weitem, was den anderen bewegt. Wo sich nichts mehr hinter einer Maske verstecken muss, muss sich niemand vor einem doppelten Boden fürchten. Eine freie und offene Gesellschaft ist gleichzeitig (vielleicht?) auch eine sicherere. Und ja, als Linguistin weiß ich natürlich, dass Worte performativen Charakter haben (können) und Rahmen setzen. In der Rechtsprechung haben Wörter und Worte sogar großes Gewicht, weil sie Taten definieren müssen. Mein Anliegen im Rahmen der aktuellen Politik ist es lediglich, Taten wieder über bloßes Wortgerangel zu erheben und gleichzeitig aufzuzeigen, dass Verbote nie die Ursache eines Problems gelöst haben. Worte und Wörter sind oft einfach nur Symptom. Und Symptombehandlung und -unterdrückung bringen auch in der Medizin nicht besonders lange etwas. Denn dann taucht das Problem wieder und wieder auf.

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Zum Nachlesen/-sehen:

https://www.bundestag.de/mediathek
https://www.deutschlandfunk.de/emotionale-generaldebatte…
https://www.welt.de/…/Boris-Pistorius-Niedersachsens…
https://www.welt.de/…/Verrohung-der-Politikersprache…
https://www.deutschlandfunk.de/emotionale-generaldebatte…
http://www.maz-online.de/…/Literaturnobelpreistraegerin…
http://www.faz.net/…/angstforscher-borwin-bandelow…

C. G. Jung Archtetypen DTV, 1990
C. G. Jung Das rote Buch (besonders schön die Ausgabe von 2009)

1 Antwort
  1. Name
    Name sagte:

    Wunderbar! Hoffentlich lesen und verstehen das auch die Damen und Herren, die sich, ob ihrer rassistischen Äußerungen, die Gattungsbezeichnung Rassist verdienen. So ein Wort muss man einfach zulassen können, um der Realität gerecht zu werden und frei leben zu können. Vielleicht liest das ja sogar Hr. Maaßen und verzichtet dann bei nächster Gelegenheit auf die Initiierung der semantischen Debatte.

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