„Marisa, wie konntest du, wo du doch ähnlich sozialisiert bist wie ich, nur so werden?“ fragte mich neulich ein alter Bekannter. Wir sind auf dieselbe Schule gegangen, haben gemeinsame Freunde. Er ist Metal-Fan und trägt seine Haare auch mit Anfang 30 noch lang. Ich mag das. Er hat Sprachen studiert und arbeitet heute als Flüchtlingshelfer. Und ich, ich kritisiere die deutsche Flüchtlingspolitik. Zu allem Überfluss bin ich auch noch islamkritisch.

Wie konnten wir uns, trotz unseres ähnlichen Hintergrunds, nur so unterschiedlich entwickeln?

In der Schule habe ich eine klassische humanistische Bildung genossen – mit Latein und Altgriechisch und Philosophie. Zuhause bin ich nicht nur mit vielen Büchern aufgewachsen, sondern auch mit der Gewissheit, über alles offen diskutieren zu dürfen. Als Einzelkind einer Alleinerziehenden hatte ich immer ein Herz für die, die auch ungewöhnlich waren. Für die Langhaarigen und die Außenseiter. Eines Tages habe ich eine verfeindete Mitschülerin mit nach Hause genommen und über einen Monat in meinem Bett schlafen lassen, weil ich die blauen Flecke von den Schlägen ihrer Eltern gesehen hatte.

Ich wollte schon immer alles verstehen und habe kritische Fragen gestellt. Ein naturwissenschaftliches Fach zu studieren – in meinem Fall Biochemie – und außerdem auch Philosophie, war für mich nur naheliegend. Seit ich denken kann, nehme ich kein Blatt vor den Mund. Nach Erzählungen meiner Mutter schrieb ich bereits im Alter von etwa zwölf Jahren in einem Schulaufsatz, dass Ganztagsschulen womöglich nicht nötig wären, wenn das Geld stattdessen in eine bessere Ausbildung von Lehrern investiert würde. Als ein Dozent mich in der Uni „Schatzilein“ nannte, konnte er gar nicht so schnell gucken, wie ich die Frauenbeauftragte und den Dekan an der Strippe hatte.

Neben dem Studium habe ich mich ehrenamtlich engagiert, zum Beispiel bei der Aidshilfe und beim Technischen Hilfswerk. Heute bin ich im Tierschutz aktiv. Ich habe meine Einstellung über die Jahre nicht verändert, vielmehr hat sie sich gefestigt.

Die Frage, wie ich so werden konnte, wie ich heute bin, ergibt wenig Sinn für mich. Ich frage mich eher, wie ich hätte nicht so werden können.

Welche Positionen sind es, die dich so verwundern? Dass ich keine Kinder- und Altersarmut in Deutschland haben möchte, keinen Lehrer-, Pflege- und Ärztemangel? Dass ich will, dass Arbeiter anständig entlohnt werden und jeder Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung hat? Und genau deshalb will, dass begrenzte Ressourcen verantwortungsbewusst und gerecht verteilt werden? Oder, dass ich genau das bei der aktuellen deutschen Flüchtlingspolitik nicht erfüllt sehe?

Ich will, dass Migranten nach Deutschland kommen, uns in Berufen unterstützen, die wir alleine nicht stemmen können. Die uns helfen, unsere Bevölkerung jünger zu machen und wachsen zu lassen. Ich will kontrollierte Migration und ich will, dass wir darüber hinaus Menschen in Not helfen. Und zwar zuerst denjenigen, die in der größten Not sind, und so, dass unsere Hilfe bei möglichst vielen ankommt und vor allem nachhaltig ist. Auch das sehe ich bei der aktuellen Flüchtlingspolitik nicht erfüllt. Macht mich das zu einer Rechtspopulistin?

Ich will, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Geschlecht, seinem Glauben und seiner Sexualität frei leben kann. Gerade, weil in islamischen Ländern genau diese Menschenrechte oftmals verletzt werden, kritisiere ich den Islam. Macht mich das zur Rassistin?

Ich will, gerade weil mir unsere Freiheit so wichtig ist, dass sie durch unseren Rechtsstaat geschützt wird. Ich will, dass diejenigen, die gegen die Regeln unseres Zusammenlebens verstoßen, bestraft werden. Ich will, dass die Gesetze, die wir haben, eingehalten werden, und Gerichtsurteile umgesetzt werden. Auch das sehe ich bei aktuellen Flüchtlingspolitik nicht erfüllt. Macht mich das zu einem verachtenswerten Menschen?

Ich habe mich in meiner Einstellung, in dem, was ich glaube und für schützenswert halte, nicht verändert. Ich könnte dich fragen, warum du so anders werden konntest. Aber ich frage dich nicht. Weil die Frage respektlos ist. Weil sie implizieren würde, dass ich mich für überlegen halte.

Und auch, weil ich die Antwort kenne. Wir haben ganz ähnliche Wünsche und Ziele, sind uns nur darüber, wie wir sie erreichen können, nicht im Geringsten einig. Wahrscheinlich, weil wir von einer ganz anderen Realität, von ganz anderen Prämissen ausgehen.

Ich frage dich nicht, wie du nur so werden konntest, weil ich nicht schlecht über dich denke. Ich habe kein Interesse daran, dir moralische Unterlegenheit oder gar Boshaftigkeit, Naivität, Dummheit oder ideologische Verblendung zu unterstellen.

Was ist dein Interesse eigentlich?

Willst du meine Positionen wirklich verstehen, oder willst du dich nur über mich erheben? Oder mir vorschreiben, welche Meinung ich zu haben habe?

Ich für meinen Teil denke jeden einzelnen Tag über deine Wahrnehmung der Realität, über deine Prämissen nach. Ich lese täglich, meinem ewigen Studentenstatus sei Dank, mehrere Stunden Zeitungsartikel, Pressemitteilungen, Forschungsberichte oder Blogbeiträge aus aller Welt. Texte von Menschen, mit denen ich einer Meinung bin, und von solchen, denen ich nicht stärker widersprechen könnte. Ich bilde mich täglich weiter und höre mir vor allem auch die Dinge an, die ich gar nicht hören will. Und mit jeder neuen Information passe ich mein Bild der Realität neu an. Und wenn du das auch tust, und zu anderen Schlüssen kommst, dann kann ich damit leben. Ich werde deshalb nicht von dir verlangen, dich vor mir zu rechtfertigen. Schon gar nicht werde ich deshalb schockiert von dir sein.

Ich lasse dich sein.

Tust du das auch?

Bist du mir gegenüber wirklich so gut, für wie du dich hältst, und wirst du deinen eigenen Ansprüchen gerecht?

Ich frage für einen alten Freund.

 

 

2 Kommentare
  1. Sebastian S.
    Sebastian S. sagte:

    Danke / hab’s gleich meiner Schwester geschickt, die mich „entfreundet“ hat, weil eben wie hier beschrieben, andere politische Ansichten vertete als Sie!
    Danke Marisa und tolle Webseite / toller Blog

    Antworten

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