Es ist noch früher Abend in Bangkok, als ich mit einer Freundin im Rotlichtviertel Patpong in Bangkok unterwegs bin. Wir beide sind gerade für ein Praktikum in der Stadt und wollen an diesem Abend eine Pingpong-Show besuchen. Warum, dazu komme ich gleich.

Rauchende Vagina zwischen Tempelbesuch und Strandausflug

Zuerst möchte ich erklären, was eine Pingpong-Show ist: eine nackte Frau auf einer Bühne, die sich vor Publikum verschiedene Alltagsgegenstände in ihre Vagina einführt. Und im Anschluss „Kunststückchen“ mit den Gegenständen vorführt.

„Pingpong“ heißen die Shows, weil sich die Darstellerinnen unter anderem Pingpong-Bälle einführen. Das Highlight ist, wenn sie sie mit Hilfe ihrer Beckenbodenmuskulatur wieder herauspressen und flinke Zuschauer die Bälle mit einem Pingpong-Schläger auffangen.

Doch bei den Shows kommen auch viele andere Gegenstände zum Einsatz. Ein Schweizer Tourist beschreibt das vielfältige Programm sehr anschaulich in einem Erfahrungsbericht, den ich online gefunden habe: „Im Wägeli (Taxi) bekommen wir dann das «Menü» zu sehen: «Pussy shoot Banana», «Pussy write letter» oder eben «Pussy Ping-Pong» steht da. Jesses, was erwartet uns nur? (…) Was aber dann geschieht, hätte ich mir niemals gedacht. Man stelle sich eine Legebatterie vor. Frau reiht sich an Frau, eine nach der anderen betritt die Bühne und macht unglaubliche Dinge. Da kommen ganze Lichterketten aus ihnen heraus (unten!!!), oder Stricke mit Rasierklingen. Es fliegen Bananen durch die Luft. Ja, «sie» kann sogar rauchen (…).“

In den thailändischen Touristenhochburgen, allen voran Bangkok, vergeht keine Nacht, in der nicht Frauen Dartpfeile aus ihren Vaginas schießen oder Bierflaschen mit ihnen öffnen. Wer nun an Sextouristen denkt, liegt falsch. Tatsächlich sind die Zuschauer stinknormale Thailand-Touristen, vor allem junge Weltenbummler aus dem Westen. Für sie sind die Pingpong-Shows eine skurrile Sehenswürdigkeit, die sie auf keinen Fall verpassen dürfen. Neben dem obligatorischen Tempelbesuch und der Fahrt mit dem Tuk Tuk gehört der Besuch einer Pingpong-Show einfach dazu. So nach dem Motto: Du warst nicht in Bangkok, wenn du keine Pingpong-Show gesehen hast.

Schon als ich in Bangkok angekommen bin, wollte ich unbedingt zu einer Pingpong-Show gehen. Allerdings nicht, weil ich wahnsinnig gerne dabei zusehe, wie sich Frauen Gegenstände in die Vagina schieben. Im Gegenteil, ich finde die Shows entsetzlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Darstellerinnen als kleine Mädchen davon geträumt haben, sich einmal vor betrunkenen Touristen Rasierklingen in ihre Vaginas einzuführen.

Wenn der Flirt andere Frauen dafür bezahlt, sich Gegenstände in die Vagina zu schieben

Ich wollte zu einer Show gehen, weil ich darüber schreiben wollte. In der Hoffnung, dass irgendwelche zukünftigen Thailand-Touristen meine Worte lesen und sich überlegen, ob sie diese Shows wirklich unterstützen wollen. Kurzzeitig hatte ich diesen Plan aber wieder verworfen. Gute Intention hin oder her, dachte ich, wenn ich da hingehe, dann unterstütze ich die Shows ja auch mit meinem Eintrittsgeld.

Umgestimmt hat mich, wie es der Zufall so will, ausgerechnet ein Flirt. Ich habe ihn bei meinem Praktikum kennengelernt. Hellgrüne Augen, schwarze Locken, volle Lippen, groß und breitschultrig, ein strahlendes Lächeln. Medizinstudent von einer amerikanischen Elite-Uni, angehender Politiker aus einer wohlhabenden Ärztefamilie. Es gibt diese albernen Filme, in denen sich Frauen nach ihren Wünschen einen Mann backen. Dieser Mann war meine Backmischung.

Als ich eines Abends auf dem Weg zu ihm war, erzählte mir seine Kommilitonin, dass er am Abend zuvor bei einer Pingpong-Show war. Ich bin dann umgedreht und nach Hause gegangen. Mit einem Mann schlafen, der Frauen dafür bezahlt, sich Gegenstände in die Vagina zu schieben, kam für mich nicht in Frage. Zuerst konnte er nicht glauben, dass ich das ernstmeine. „Die Frauen tun das freiwillig und haben nun einmal ein besonderes Talent“, schrieb er mir. Und ließ mich wissen, dass er es sexy findet, dass ich so für meine Prinzipien einstehe.

Ich hingegen fand die Situation überhaupt nicht sexy. Ich war enttäuscht von mir selbst, dass ich, eine Feministin, mir ausgerechnet einen Mann ausgesucht hatte, der es nicht problematisch findet, wenn Frauen in finanzieller Not sich vor Fremden erniedrigen.

Dass ausgerechnet jemand von einer der besten Universitäten der Welt, jemand aus einem guten Elternhaus, der einen Helferberuf anstrebt, diese Shows nicht hinterfragt, hat mich schockiert. An diesem Abend habe ich entschieden, dass es sich doch lohnt, ein wenig Aufklärungsarbeit über die Pingpong-Shows zu betreiben.

Pingpong-Ball mit Vaginalsekret trifft mein Bein

So kommt es, dass ich an diesem Abend in Patpong unterwegs bin. Meine Freundin wollte mich nicht alleine in die dubiose Gegend lassen und begleitet mich. Wohl weil wir der üblichen Zuschauerklientel entsprechen – Europäerinnen in den 20ern – dauert es nicht lange, bis wir auf dem Nachtmarkt von einem Mann angesprochen werden. „Pingpong“ sagt er. Wir nicken und folgen ihm die Treppen hinauf in eine schmuddelige Go-Go-Bar.

Die Hauptdarstellerin steht auf einer Bühne in der Mitte des Ladens. Sie ist, ganz im Gegensatz zu den Prostituierten, die unten vor den Clubs sitzen, schon lange keine 18 mehr und jenseits der 45 Kilogramm. Vielleicht, so frage ich mich, ist die Vaginalakrobatik die letzte Karriereoption für in die Jahre gekommene thailändische Prostituierte.

Wir setzen uns an einen Tisch vor der Bühne. Die Darstellerin beginnt, sich roboterhaft verschiedene Gegenstände in ihre Vagina einzuführen. Ihr Gesichtsausdruck erinnert mich an den einer Supermarktkassiererin, die gerade die x-te Ware eines Großeinkaufs über den Scanner zieht. Sie spreizt ihre Beine in die Höhe, dreht sich so, dass wir direkt in ihre Vagina sehen können, und führt sich einen Pingpong-Ball ein.

Eine Kellnerin läuft vorbei und drückt mir einen Schläger in die Hand. Dann zielt die Darstellerin auf mich und schaut mir dabei direkt in die Augen. Ich verfehle den Ball und samt Vaginalsekret streift er mein Bein. Ich habe keine Gelegenheit mich zu ekeln, weil ich damit beschäftigt bin, vor Scham im Boden zu versinken. Ich frage mich, was die Frau über uns Gören aus der vermeintlich entwickelten Welt denkt. Ich schaue um uns herum und sehe andere junge Touristen.

Als eines der Highlights der Show zieht sie eine Kette aneinandergehängter Rasierklingen aus sich heraus. Immer wieder dreht sie sich zu uns und ermöglicht uns einen guten Blick zwischen ihre Beine.

Erfahrungsberichte im Internet: Warnung vor Abzocke

Online finde ich viele negative Erfahrungsberichte über Pingpong-Shows. Sogar Warnungen. Allerdings geht es darin um die Abzocke mit Getränke- und Eintrittspreisen, die den Shows oftmals folgt. Den kritischsten Kommentar finde ich in einem Nebensatz einer Bewertung auf Tripadvisor. Da steht: „Die Mädels ziehen ihre Show ab. Unter aller Kanone, glaub die machen das nicht freiwillig und sind auf Drogen.“

Ich glaube auch nicht, dass die Darstellerin von einer Karriere in der Pingpong-Show Branche geträumt haben und das tun würden, wenn sie eine gute Alternative hätten.

Ich ergänze die Erfahrungsberichte also um einen Satz: wenn ihr euch nicht vorstellen könnt, euch selbst vor Publikum Alltagsgegenstände in eure Körperöffnungen zu stecken und wenn ihr es euch nicht vorstellen könnt dabei zuzusehen, wie sich eure Mutter vor besoffenen Touristen Rasierklingen in die Vagina schiebt, dann fragt euch, ob ihr wirklich zu einer Pingpong-Show gehen solltet.

 

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