Das von Terres des Femmes geforderte Kopftuchverbot für minderjährige Mädchen wird derzeit kontrovers diskutiert. Kritiker argumentieren mit der durch das Verbot eingeschränkten Religionsfreiheit der Kinder und einem bevormundenden Staat, der dem Individuum seine Freiheiten nimmt. Dabei vergessen sie die Rechte des Kindes und begünstigen eine ethnisch-religiöse Spaltung der Gesellschaft in moralisch und rechtlich voneinander isolierte Räume, die Minderheiten eher schwächt als stärkt und langfristig den sozialen Frieden gefährden kann.

Christopher van der Meyden

Christopher van der Meyden (flickr)

Selbst- oder Fremdbestimmung?

Minderjährige stehen in Deutschland unter einem besonderen rechtlichen Schutz. Staatlich kann und muss zum Wohle der Kinder durchgesetzt werden, dass sie ihre Grundrechte wahrnehmen können. Bei Kindern unter 14 Jahren wird von einer fehlenden Religionsmündigkeit gesprochen. Das ist bei allen Religionen gleichermaßen zu berücksichtigen und müsste weitreichende Änderungen im Bildungssystem mit sich bringen, z.B. eine freie Wahl des Religionsunterrichts erst mit dem 14. Lebensjahr oder einen gemeinsamen Ethikunterricht. 

Das Kopftuch ist in Bezug auf die fehlende Religionsmündigkeit allerdings kritischer zu sehen, weil es eine sexualisierende und politische Dimension impliziert, die junge Mädchen noch nicht überblicken können. Als Symbol des politischen und reaktionären Islams, das das Mädchen oder die Frau als religiös, rein und Verfügungsmasse des Mannes markieren soll, wird das Selbstbestimmungsrecht des Mädchens auf eine eine (auch religiöse) persönliche Entfaltung konterkariert. Darüber hinaus entspricht die Sexualisierung des Mädchens, bewirkt durch die Verdeckung ihrer (vermeintlichen) Reize gemäß religiöser Vorgabe, um sie vor den lüsternen Blicken der Männer zu schützen, nicht den emanzipatorischen Errungenschaften einer modernen Gesellschaft. Der Staat sollte folglich seine besondere Fürsorgepflicht notfalls auch gegen die religiös-fundamentalistischen Erziehungsvorstellungen von muslimischen Eltern durchsetzen, um das Kind vor dieser Form der Sexualisierung und der Einschränkung von Religionsfreiheit und Selbstbestimmung zu schützen. Mindestens bis zum vierzehnten Lebensjahr, dem Erreichen der religiösen Selbstbestimmung also, sollten Kinder nicht durch ein oktroyiertes Kopftuch in ihrem Selbstbestimmungsrecht beschnitten werden.

Ein Kopftuchverbot stärkt die Rechte von Minderheiten 

Dass der Staat mit derartigen Verboten hadert, liegt an einem die wahren Problematik verfehlenden Opferdiskurs und einer kontraproduktiven Integrationspolitik, die Minderheiten nicht schützt, sondern ihre Rechte auf Geheiß vermeintlicher Repräsentanten von Kollektiven (wie den konservativen Islamverbänden) negiert.

Verfechter des Kopftuchverbotes sind weniger von der Idee angetan, Muslime in ihren Rechen zu schwächen, als sie zu stärken. Die Kritiker des Kopftuchverbotes, oft selbsternannte Multikulti-Befürworter, übergehen die individuellen Interessen der muslimischen Kinder zugunsten von Kollektivrechten und vermuten Paternalismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus. Anstatt den Kindern das Recht auf religiöse Selbstbestimmung und Individualität zu ermöglichen und sie vor der patriarchalischen Sexualisierung durch das Kopftuch zu schützen, unterstützt man mit dem Verweis auf Minderheitenrechte und Religionsfreiheit eine symbolisch zur Schau gestellte kulturelle Trennung und die Exklusion einer großen Bevölkerungsgruppe aus nationalen ethischen Grundsätzen und Rechtsgütern und begünstigt damit eigene Rechtsräume, in denen unter anderem junge Frauen schlechter gestellt sind. Eine kulturelle Praktik darf nicht deshalb Narrenfreiheit genießen, weil eine Minderheit sie praktiziert, sondern muss sich in einem Rechtsstaat den demokratisch gemeinsam beschlossenen weltlichen Prinzipien unterordnen. 

Mit der kulturrelativistischen Toleranz gegenüber dem Kinderkopftuch wird das Wohl der Kinder dem sozialen Frieden zwischen kulturell isolierten Gruppen wegen geopfert. Der Schutz der Kinder gilt als übergriffig, bevormundend und wenig kultursensibel, ist aber die Ablehnung kultureller Isolation und ein Appell an die Solidarität zwischen ALLEN Mitgliedern der Gesellschaft. 

Das Kopftuchverbot als Zeichen einer integrationspolitischen Wende

Die Aktion von Terre de Femmes wird auch deshalb so kontrovers diskutiert, weil sie ein integrationspolitisches Umdenken einleiten könnte, das eher auf langfristigen sozialen Frieden abzielt: Menschen sollten (fortan) nicht über Kollektive, sondern individuell integriert werden. Jeder Mensch ist als Bewohner dieses Landes Träger von bestimmten Rechten und Pflichten, die nicht durch eine ethnische oder religiöse Zugehörigkeit unterminiert werden sollten. Die in Deutschland übliche Wahrung und Unterstützung von kollektiven Partikularinteressen unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit, der Vielfalt oder der Toleranz, bei Muslimen im Falle des Schächtens, der Genitalbeschneidung oder eben des Kinderkopftuches oft zulasten der Schwächsten und Hilflosesten, ist ein Vorgehen, das die Integration nicht fördert, sondern verhindert. Es schützt Minderheiten nicht, sondern negiert ihre Rechte. 

Das Verbot des Kinderkopftuchs ist folglich wichtig, weil es Zeugnis eines ethnienübergreifenden, antikollektivistischen und empathischen Zugeständnisses eines Landes ist, in dem nicht die Herkunft oder Religion darüber entscheidet, ob man als Kind vor einer patriarchalischen Sexualisierung geschützt wird und die Möglichkeit hat, sich frei und individuell zu entwickeln. Es würde muslimische Mädchen nicht als ideologisch formbare Verfügungsmasse fundamentalistischen Kollektiven überlassen, sondern sie als Teil unserer gemeinsamen Gesellschaft sehen.

Wer das Kopftuchverbot für Kinder ablehnt, leistet so nicht nur den Interessen der Schutzbedürftigsten einen Bärendienst, sondern verstärkt auch die kulturelle und vor allem moralisch-rechtliche Segregation, was das frühe Ende des sozialen Friedens einer Einwanderungsgesellschaft bedeuten könnte. Wer sich bei der Ablehnung des Kopftuchverbotes liberal wähnt, weil er staatliche Bevormundung und die Einschränkung von Kulturpraktiken kritisiert, unterstützt mittel- bis langfristig antiliberale gesellschaftliche Strömungen. Das staatliche Eingreifen durch eine entsprechende Gesetzesänderung ist dem Erhalt einer freiheitlichen Gesellschaft langfristig dienlicher.

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