In dieser Woche wurde in der ZEIT in Bezug auf die Frage der privaten Seenotrettung von Flüchtlingen unter der provokativen Überschrift „Oder soll man es lassen?“ ein Artikel veröffentlicht, der einen Shitstorm ausgelöst hat. Eine Journalistin von der SZ schrieb: „Ihr habt doch den Arsch offen.“ Eine Spiegel-Kolumnistin beschrieb den Artikel als „kalten, verdorbenen Wahnsinn“ und der Chefredakteur der Titanic, Tim Wolff, empfahl allen ZEIT-Mitarbeitern, der Autorin des Texts (Mariam Lau) täglich brühend heißen Kaffee ins Gesicht zu schütten. Auf Twitter fragte er außerdem: „Zeit‘-Journalisten auf offener Straße erschießen?“.

Mitleid, oft als Bedingung für Menschlichkeit beschrieben, wird Mariam Lau eher weniger zuteil. Grund dafür ist ein moralischer Dualismus, der ihre Kritiker im Namen des Mitleids und ohne nennenswerte Risiken in eine moralische Überlegenheitsposition versetzt, die dazu befähigt, Menschen schwerste und dauerhafte Verbrennungen oder öffentliche Erschießungen zu wünschen, ohne nennenswerte Konsequenzen dafür befürchten zu müssen. Antworten auf wichtige migrationspolitische Fragen findet man so nicht.

Mitleid gilt nur den Guten

Der Psychologe C. Daniel Batson fand bereits in den 1980er Jahren heraus, dass wir für andere eher Partei ergreifen, wenn wir uns mit ihnen verbunden fühlen (Empathie-Altruismus-Hypothese). Geringe emotionale Verbundenheit hingegen ermuntert seltener zu emphatischem Handeln. Das erklärt zum Beispiel, warum uns moralisch näheres oder visualisiertes Leid wie der an den türkischen Strand geschwemmte tote Flüchtlingsjunge Aylan so nahegeht. Das Individualschicksal wiegt oft schwerer als die Hiobsbotschaften über unzählige Todesopfer in Übersee.

Außerdem scheint das Mitleid den Richtigen zugute kommen müssen. Tatsächlich konnte Tania Singer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig in einer bildgebenden Studie im Jahr 2006 zeigen, dass Probanden in Laborszenarien im Hirnscanner weniger mit Übeltätern mitlitten, die sich zuvor unfair verhalten hatten und anschließend mit einer Nadel traktiert wurden. Das Ausbleiben emphatischer Reaktionen tritt insbesondere bei männlichen Beobachtern auf, wohingegen Frauen die Empathie weniger vom Verhalten des anderen abhängig machten. Ein wahrscheinlich evolutionsbiologisches Relikt, das uns ermöglichte, asozialen Gruppenmitgliedern die Tür oder den Höhlenausgang zu zeigen – notfalls mit Gewalt.

Dazu passt, dass wir für Mitglieder der eigenen Gruppe, das belegt eine Vielzahl von sozialpsychologischen Studien, in der Regel mehr Mitgefühl als für andere empfinden. Empathie gegenüber Dritten zu unterbinden oder zu evozieren, ist deshalb ein wirksames Mittel der Ideologisierung. Autokratische Systeme und Religionen, die das Eigene auf Kosten des Fremden aufwerten, arbeiten so. Hier und heute sind es vor allem Gesinnungsethiker, die vice versa über die schuldkompensatorische Abwertung des Eigenen das Fremde aufwerten und jedwede Kritik an dieser dichotomen Politisierung und Medialisierung unterbinden wollen.

Mitleid als Politikum

Zwecks Identifikation und Profilschärfung betonen Gesinnungsethiker Extrempositionen. Auf der einen Seite stehen die empathie- und damit menschenfeindlichen Nationalisten, auf der anderen Seite die Hüter der Menschlichkeit qua Mitleid. „Wir sind plötzlich Weltmeister der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe”, sagte Katrin Göring-Eckart von den Grünen anlässlich der Willkommenskultur im Jahre 2015 in einer Bundestagsrede und bringt die, oft eher egoistisch und der politischen Profilierung gewidmete, Empathiebekundung vieler Gesinnungsethiker entlarvend prägnant auf den Punkt. Das Mitleid wird zur Staatsdoktrin und ist eine prägnante Repräsentationsform der vorherrschenden Gesinnungsethik.

Diese politische Tendenz bezeichnet Germanist und Kognitionsforscher Fritz Breithaupt als einen der negativen Auswüchse der Empathie. So würden Minderheiten regelrecht in die Opferrolle gedrängt, damit jene, die mit ihnen mitfühlen, sich am eigenen Gutmenschentum erfreuen können. Der Drang nach Empathie, die uns moralisch erhebt, zementiere hier die missliche Lage anderer. Beweis dafür ist z.B. auch der Umgang mit deutschen Muslimen, deren Opferrolle beständig perpetuiert wird, um sich als toleranter und barmherziger Samariter präsentieren zu können. Kritik an den eigenen Schützlingen wird kulturrelativistisch ignoriert, um sich weiter moralisch an ihnen bereichern zu können. Das Mitgefühl wird so ideell und politisch. Viele zeigen es nur, weil es sie in einem guten Licht dastehen lässt.

Gemäß Breithaupt hilft die Empathie zunächst denen, die sie empfinden. „Sich in andere einzufühlen, erweitert die eigenen emotionalen Möglichkeiten“, erklärt er. Was man damit anfange, sei keineswegs klar. Man könne sie ebenso gut zu altruistischem wie zu egoistischem, ja menschenverachtendem Handeln (z.B. Sadismus) benutzen. Allerdings erweitert auch die Abwertung einer Person zum Unmenschen, womit sie nicht mehr als zu bemitleidendes Individuum gesehen wird, die emotionalen Möglichkeiten. Und zwar insofern, als dass sie dem moralischen Dualismus den Weg bereitet, der für die Ingroup moralisches und altruistisches Verhalten und für die Outgroup brühenden Kaffee oder Gaskammern offeriert.

Der Titanic-Chefredakteur Tim Wolff wird sich nach seinen Gewaltaufrufen wohl kaum als empathielosen Menschen verstehen, ganz im Gegenteil. Er ist in den Augen vieler der Rächer einer benachteiligten Gruppe, eine Bastion gegen den Verfall der empathielosen Moral, die flüchtlingshetzend das Gute zu zerstören droht.

Mitleid darf nicht zu viel kosten

Mitleid zeigen Menschen vor allem dann gerne, wenn es sie wenig kostet. Das hat der Psychologe Michael Inzlicht von der University of Toronto herausgefunden und erklärt, warum die 2015 allgegenwärtige Willkommenskultur, das Nonplusultra der Empathie, 2018 nur noch in den Wünschen vieler linker und grüner Politiker existiert. Gesamtgesellschaftlich ist sie eher einer breiten Ernüchterung gewichen, die auch auf die mit der Aufnahme von Millionen Flüchtlingen und Migranten verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Kosten zurückzuführen sind. Viele lassen sich das Mitgefühl nicht mehr von der Politik oktroyieren.

Wider die Empathie, für ein rationales Wohlwollen

Die Empathie und das Mitleid werden folglich als Politikum zur eigenen und parteilichen Profilschärfung und als Distinktionsmerkmal missbraucht, um Gut von Böse zu unterscheiden. Unterstützt werden dadurch vor allem gesinnungsethische Positionen, in denen prinzipienreitend und ungeachtet der Handlungsfolgen politisch wie gesellschaftlich auf die Realisierung von (intrinsisch guten) Werten gepocht wird. Das Mitleid ist zum Instrument einer rhetorischen Lynchjustiz geworden, um (politische) Interessen geschickt und sozial verträglich umzusetzen.

Wir sollten uns gegen die Idealisierung und Ideologisierung des Mitleids wehren und es gegen das Konzept des rationalen Wohlwollens (Paul Bloom) ersetzen. Somit würden wir politisch im Sinne der Rationalität zunächst einmal feststellen, wie die jetzige Gesetzeslage zu migrationspolitischen Fragen wie der Seenotrettung aussieht, um anschließend verantwortungsethische Möglichkeiten zu finden, welche die Konsequenzen politischer Entscheidungen mit berücksichtigen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mehr Menschen im In- und Ausland zugute kämen.

Um das bewerkstelligen zu können, müssen wir davon absehen, Überbringern unliebsamer Botschaften oder Fragen brühend heißen Kaffee ins Gesicht schütten zu wollen. Wir müssen, auch über die Instrumentalisierung des Mitleids gewonnene, moralische Überlegenheitspositionen mit argumentativen Überlegenheitspositionen austauschen, die nicht die Gesinnung, sondern die Konsequenzen politischer Handlungen in den Vordergrund stellen.

 

Quellen und Literaturtipps:

Ayan, S.: Schattenseiten des Mitgefühls. In: Gehirn & Geist 12. 09/2017.

Breithaupt, F.: Die dunklen Seiten der Empathie. Suhrkamp, Berlin 2017.

Barton, K. C., McCully, A. W.: Trying to »See Things Differently«: Northern Ireland Students’ Struggle to Understand Alternative Historical Perspectives. In: Theory & Research in Social Education 40, S. 371–408, 2012.

Breithaupt, F.: A  Three­Person Model of Empathy. In: Emotion Review 4, S. 84–91, 2012.

Decety, J. et al.: Atypical Empathic Responses in Adolescents with Aggressive Conduct Disorder. A Functional MRI Investigation. In: Biological Psychology 80, S. 203–211, 2009.

Küveler, J., Rosenfelder, A.: Ist mit unserem Mitleid irgendwem geholfen? Abrufbar unter: https://www.welt.de/kultur/plus179335592/Politik-und-Sentiment-Mitleid-ist-nicht-die-Rettung.html

Lobenstein, C,, Lau, M.: Oder soll man es lassen? Abrufbar unter:
https://www.zeit.de/2018/29/seenotrettung-fluechtlinge-privat-mittelmeer-pro-contra

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