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„Gottgelenkte Evolution“ – ein gescheiterter Versuch der Konsensfindung

Das Konzept einer „gottgelenkten Evolution“ wird als Kompromiss zwischen Kreationismus und der wissenschaftlichen Evolutionsbiologie angeboten. Mit einem wissenschaftlich begründeten Verständnis evolutionärer Prozesse ist dieses Konzept nicht vereinbar, denn alle Beobachtungen deuten auf ungelenkte Evolution hin. Zudem werfen Versuche einer Vereinigung beider Konzepte unlösbare theologische Probleme auf.

Es besteht ein unüberbrückbarer Konflikt zwischen „ungelenkter Evolution“ (die plausible Schlussfolgerung evolutionsbiologischer Forschung) und „gelenkter Evolution“ (die Behauptung christlicher und islamischer Theologie).

1. Die Theologie postuliert an den Anfang der evolutionären Entwicklung einen intelligenten Schöpfer, der irgendwann damit begonnen haben soll, einen zuvor festgelegten Plan abzuarbeiten. Evolutionäre Prozesse laufen jedoch allem Anschein nach ungerichtet und ohne vordefiniertes Ziel ab. Genetische Mutationen folgen einer statistischen Zufälligkeit – keinem vordefinierten Ziel. Die meisten Mutationen sind phänotypisch neutral oder schädigen ihren Träger. Nur in extrem seltenen Fällen tritt eine fitness-steigernde Mutation auf, die ihrem Träger einen reproduktiven Vorteil verschafft und damit in der Population fixiert wird.  Der evolutionäre Prozess produziert also praktisch immer nur Ausschuss (was leicht übersehen werden kann,  da unsere eigene Umwelt nur noch die seltenen Erfolgs-Ausnahmen enthält). Selbst die wenigen Individuen, die sich gegen ihre Konkurrenten innerhalb und außerhalb der eigenen Art behaupten können, sind immer nur zeitweilig erfolgreich. Mehr als 99% aller biologischen Spezies  der Erdgeschichte sind ausgestorben. Das spricht gegen eine planvolle Steuerung evolutionärer Prozesse und ist ein deutlicher Beleg für ungeplante, ungerichtete, letztlich ziellose Entwicklung.

Evolutionsrgebnis Pockenvirus

Evolutionsergebnis Pockenvirus

Evolutionsexperimente zeigen, dass die Evolution mit jedem Neustart desselben genetischen Ausgangsmaterials immer neue, überraschende, unvorhersehbare Verläufe nimmt.[1] Dabei zeigt sich Divergenz in neue, bisher unbeschrittene Wege durch den Raum der möglichen Permutationen.[2] Die statistische Wahrscheinlichkeit für Redundanz (für eine Wiederholung derselben Mutationssequenzen in nachfolgenden Generationen) geht gegen Null. Selbst konvergente Einwicklungen in der Evolution entstehen offenbar nicht planvoll, sondern durch den formenden Einfluss der Umweltbedingungen.

2. Das Genom etlicher Spezies enthält funktionelle Verluste gegenüber früheren Evolutionsstufen. Im Genom der Primaten (einschließlich des Menschen) findet sich z.B. auf dem achten Chromosom ein defektes Gen für einen Stoffwechselweg zur Herstellung von körpereigenem Vitamin C. Menschen und andere Trockennasenaffen können kein eigenes Vitamin C mehr produzieren, wozu ihre evolutionären Vorfahren (und fast alle anderen höheren Tiere in unserer Umwelt) problemlos in der Lage sind.[3] Diese Pseudogene sind beeindruckende Zeugnisse der gemeinsamen Abstammung heutiger Arten – jedoch funktionell sinnlos. Es erscheint extrem unplausibel, dass ein intelligenter Schöpfer die Evolution nützlicher Gene veranlasst haben soll, um sie dann in einzelnen Spezies durch Punktmutation zum Schaden ihrer Träger wieder zu zerstören. Der Nachweis von defekten Pseudogenen bestätigt jedoch hervorragend die Annahme einer ungelenkten, ziellosen Evolution basierend auf zufälligen Mutationen.

Nicht nur auf makroskopischer Ebene sind die Spuren ungerichteter Evolution anhand von Rudimenten und Atavismen erkennbar. Die Erbinformation aller Spezies ist übersät mit den Artefakten zufälliger, meist schädlicher Kopierfehler, die sich im Verlauf von vier Milliarden Jahre währender, wiederholender DNA-Abschriften eingeschlichen haben. In der DNA aller Spezies finden sich tausende retrovirale Insertionen, Transposone, chromosomale Fusionen, sinnlose Einfügungen und Umstellungen, die vor Millionen Jahren bei einzelnen Individuen aufgetreten sind und sich seitdem durch ihre (in verschiedene Spezies aufgespaltete) Nachkommenschaft vererben. Auch wenn wir in unserem Genom nur noch solche Artefakte finden, die mit dem Leben und der Reproduktion ihrer Träger vereinbar gewesen sind, lässt ein Blick in das breite Spektrum der Erbkrankheiten erahnen, wieviele Milliarden Träger solcher zufälligen genetischen Modifikationen als evolutionärer Ausschuss ausselektiert wurden. Das bestätigt die Annahme einer ungerichteten, ungeplanten Evolution. Wer hier an der These eines vorausschauenden Planers der Evolution festhalten will, muss sich einreden, der intelligente Planer habe absichtlich eine Evolution entworfen, die exakt so aussieht, als folge sie absichtslosem Zufall.

3. Der Evolution eine Zielrichtung zu unterstellen, widerspricht allen gesammelten Beobachtungen. Ein vorausplanender Schöpfer evolutionärer Prozesse ist eine mutwillige, unnötig übergestülpte Behauptung. Eine These vergleichbarer Absurdität: „Klar hat mein Auto einen Motor. Aber in Wirklichkeit fährt es nur deshalb, weil es von einem unsichtbaren Pferd gezogen wird.“[4]

Die Behauptung einer „gottgelenkten“ Evolution ignoriert das Kernmerkmal evolutionärer Prozesse: ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation.

Blinde, evolutionäre Algorithmen sind absichtlichen Planungsversuchen oft weit überlegen, wenn es gilt, Lösungen für technische Probleme zu finden. Durch eine lange Kette zufälliger Trial-and-Error-Versuche entstehen optimale Design-Lösungen, deren Effizienz weit über planvolle Design-Versuche hinausgeht.[5]

4. Gelenkte, vorgeplante Evolution ist nicht nur eine beobachtungswidrige Behauptung – sie kollidiert unvereinbar mit den übrigen Dogmen des christlichen und islamischen Gottesbilds.

Das Darwin-Wallace-Prinzip der Evolution widerspricht der Grundannahme eines allmächtigen barmherzigen Schöpfers, den die abrahamitischen Religionen postulieren. Absichtlich erschaffene Evolution wäre die sadistischste Foltermaschinerie, die überhaupt vorstellbar ist. Das Überleben etlicher höherer Spezies hängt davon ab, andere empfindungsfähige Wesen zu jagen, zu verängstigen, zu foltern, zu fressen und ihre Jungen zu hilflosen Waisen zu machen.

Wer über ausreichende Nervenstärke verfügt, mag sich das Grauen aus nächster Nähe ansehen.
https://youtu.be/Ks3BV_ttUwU

Gläubige müssen sich hier einreden: „Jawohl. Dieses alltägliche, millionenfache Schauspiel der sinnlosen Folter entspricht dem Willen des allmächtigen, barmherzigen Schöpfers. Er hat es in seiner vorausschauenden Weisheit und Güte so eingerichtet.“

Es ist keine Überraschung, dass die erbarmungslose ethische Gleichgültigkeit evolutionärer Prozesse bereits Charles Darwin zu Zweifeln an der Gottes-Hypothese veranlasst hat.[6] Dabei ist diese Grausamkeit keine seltene Randerscheinung und kein absonderliches Artefakt der Evolution, sondern ihr Kernbestandteil. Die natürliche Selektion kann nur dann zu optimierten Anpassungen an die Umwelt führen, wenn in jeder Generation ein ausreichend großer Vorrat an Individuen mit phänotypischer Varianz besteht, aus dem selektiert werden kann. Das qualvolle Wegsterben des größeren Teils jeder Generation vor Erreichen des Fortpflanzungsalters ist das Kernprinzip der Evolution.

Wäre die Evolution die planvolle Erfindung eines intelligenten Designers, dann könnte der nur ein Sadist oder ein gleichgültiger Psychopath sein.

Es wäre kalkulierte Heimtücke, einen Prozess absichtlich so zu entwerfen, dass die Spezies Wolf (oder T-Rex) nur überleben kann, wenn sie täglich tausende empfindungsfähige Individuen mordet, foltert und ängstigt. Ein allmächtiger, intelligenter Designer hätte mühelos leidfreie Evolution erschaffen können. Das erbarmungslose Grauen in der Evolution deutet auf einen Prozess hin, der ethisch völlig blind ist – auf ungeplante, gottfreie Evolution.

5. Wo sehen wir evolutionäre Prozesse gegenwärtig am eindrucksvollsten? In der Resistenzentwicklung pathogener Keime. Die unausweichliche Schlussfolgerung aus der Annahme einer gottgelenkten Evolution lautet:

„Der barmherzige Schöpfergott ist aktuell am intensivsten damit beschäftigt, Tuberkulose-Erreger und HI-Viren möglichst effektiv gegen menschliche Versuche ihrer Eindämmung zu schützen. Gott verwendet seine übermenschliche Intelligenz darauf, Resistenzmechanismen in HI-Viren und Tuberkeln hineinzucodieren, die nachfolgend Menschen in großer Zahl töten werden.“

Keine noch so kunstvolle Apologetik kann diese Diskrepanz sinnvoll überbrücken. Dabei ist die alltägliche Beobachtung des viehischen Leids im Evolutionsprozess mühelos durch die Abwesenheit eines allmächtigen, barmherzigen Schöpfer-Gottes erklärbar. Evolution ist ein ethisch blinder Vorgang, der sich mit dem Erscheinen der ersten replikationsfähigen Makromoleküle absichtslos durch tautologische Notwendigkeit in Gang gesetzt hat.

6. Ein Anerkennen des wissenschaftlichen Erklärungsmodells hat zersetzende Wirkung auf die etablierten religiösen Dogmen.

Die christliche und islamische Theologie basiert auf einem Dualismus zwischen Leib und Seele. Der Mensch, so wird behauptet, bestehe zu einem wesentlichen Teil aus einer immateriellen Extra-Zutat, die seinen biologischen Tod überdauern soll. Ohne diese unsterbliche und erlösungsbedürftige Seele sind Christentum und Islam (die behaupteten Wege zu ihrer Rettung) überflüssig.
Die biologische Evolution zeigt, dass Menschen innerhalb eines lückenlosen Kontinuums aus Proto-Bakterien entstanden sind. In welcher Generation dieser Ahnenkette soll eine „unsterbliche Seele“ oder eine immaterielle Extra-Zutat hinzugekommen sein, die den Menschen vom Rest des Tierreichs absondert? Zwischen welchen beiden Generationen soll die Grenze von beseelter und unbeseelter Natur verlaufen? Setzt man das theologische Dogma gedanklich konsequent fort, muss irgendein behaarter Australopithecus in der afrikanischen Savanne von Gott plötzlich mit der Bürde einer unsterblichen Seele und einer moralischen Verantwortlichkeit vor Gott belastet worden sein, die seine Eltern noch nicht zu tragen hatten. Eine absurde Idee. Je sorgfältiger man die Idee einer „gottgelenkte Evolution“ durchdenkt, desto bizarrer werden ihre Schlussfolgerungen.

Ohne ein menschliches Ur-Paar Adam und Eva gibt es keine Erbsünde. Ohne Erbsünde verliert das Christentum seinen Sinn.

7. Das Christentum behauptet eine prinzipielle Sündhaftigkeit, eine Schuldhaftigkeit von Geburt an, eine Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen. Diese Erbsünde sei durch das Vergehen Adams und Evas entstanden, die im biblischen Mythos von der verbotenen Frucht gegessen haben. Ihre Schuld sei  durch direkte Vererbung auf alle ihre Nachkommen und damit auf die gesamte Menschheit übergegangen. Zur Lösung dieses Problems habe Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt und als unschuldigen Sündenbock hinrichten lassen, um die Menschheit von der Erbsünde reinzuwaschen. Das behauptete Ereignis dieser Hinrichtung markiert den Beginn des Christentums.

Humangenetische Untersuchungen zeigen, dass Adam und Eva nie existiert haben.[7] Es gab nie ein „erstes Menschenpaar“, sondern eine kontinuierliche menschliche Ahnenkette, die zurück in das Reich der nichtmenschlichen Tiere reicht. Es gab nie einen Sündenfall. Es gab nie eine „gefallene Schöpfung“. Es gab nie eine Erbsünde, die durch das Blut eines Sündenbocks hätte abgewaschen werden müssen. Ein Kreuzigungsopfer ist damit sinnlos. Das Christentum (der Weg zur Überwindung der Erbsünde) ist damit so überflüssig wie ein Apparat zum Vertreiben von Poltergeistern. Durch die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie wird das Fundament der christlichen Theologie vollständig ausgehebelt.

Auch die katholische Kirche hat dieses Problem erkannt. Zwar tragen Kirchenvertreter Beteuerungen einer Vereinbarkeit von Theologie und den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie nach außen[8], doch versteht die Kirche sehr wohl, dass die evolutionären Tatsachen die christliche Theologie komplett aushöhlen. Die päpstliche Enzyklika „Humani generis“ argumentiert hier mit einem unverhohlenen Fehlschluss von der unerwünschten Konsequenz. Die päpstliche Argumentation lautet zugespitzt in etwa so:
„Ein Akzeptieren der (wissenschaftlich bestätigten) polygenetischen Abstammung des Menschen würde die Geschichte Adams und Evas ad absurdum führen. Adam und Eva sind aber der Ursprung der Erbsünde. Ohne allgemeine Erbsünde wäre die Lehrmeinung der Kirche falsch, ja, wäre die Kirche überflüssig. Das darf nicht sein. Also dürfen Christen die evolutionären Tatsachen nicht akzeptieren. Adam war der Urvater! Durch direkte Abstammung von Adam ist die Erbsünde auf alle Menschen übergegangen! Basta und Amen!“[9] Die Realität widerspricht hier dem religiösen Dogma – also lehnt der Papst die Realität ab.

Ein ähnliches Problem entsteht in der islamischen Theologie. Der Koran nennt Adam als den ersten Menschen, von dem alle weiteren Menschen abstammen.[10] Dieser faktische Unsinn wird heute in fast allen Schulen in Deutschland gelehrt,  die islamischen Religionsunterricht anbieten.[11]

Adam markiert nach islamischer Theologie den Beginn der Prophetenreihe bis hin zu Mohammed. Der Koran verbietet unter Androhung ewiger Höllenstrafe „einen Unterschied zwischen den Propheten zu machen“ oder nur an ausgewählte Propheten zu glauben – oder hier einen Zwischenweg einzuschlagen, der die Gleichrangigkeit aller Propheten in irgendeiner Weise relativieren würde.[12] Die Ergebnisse der Populationsgenetik haben die Idee einer Abstammung von einem menschlichen Ur-Paar jedoch vollständig widerlegt. Adam ist ein fiktiver Mythos. Mohammed hingegen wird von Muslimen als reale, historische Person  betrachtet. Ein wissenschaftlich informierter Muslim kann überhaupt nicht vermeiden, „einen Unterschied zu machen zwischen den Propheten“ (mythologische Figur Adams, historische Figur Mohammeds) oder einen Zwischenweg zu suchen, der die eingeforderte Gleichrangigkeit aller Propheten relativiert.

Zusammengefasst:

a) Die Beobachtung einer ungerichteten, selbstorganisierenden Evolution ist mit dem theologischen Konzept einer absichtsvollen Schöpfung nach dem Willen einer vorausplanenden Intelligenz nicht sinnvoll vereinbar.

b) Die erbarmungslose Gleichgültigkeit evolutionärer Prozesse gegenüber dem sinnlosen Leid an empfindungsfähigen Lebewesen ist mit dem Konzept einer Lenkung durch einen barmherzigen Schöpfer nicht sinnvoll vereinbar.

c) Die kontinuierliche, lückenlose Evolution menschlichen Lebens aus primordialen Proto-Bakterien ist mit dem Leib-Seele-Dualismus und der Annahme einer unsterblichen Seele nicht sinnvoll vereinbar.

d) Der naturwissenschaftlich ermittelte Ursprung der Menschheit ist mit dem christlichen Konzept einer Erbsünde durch ein erstes Menschenpaar und ihrer Tilgung durch einen Kreuzigungstod nicht sinnvoll vereinbar.

Freilich lassen sich exegetische Winkelzüge erfinden, die „Lösungen“ für diese Diskrepanzen anbieten.  Das Leid der Evolution sei eine notwendige, göttlich gebilligte Form des ethischen Unrechts zu einem höheren ethischen Zweck – etwa, um Menschen Gelegenheit zu einem bewussten, ethischen Gegenentwurf zu bieten. Jeder halbwegs intelligente Mensch kann sich solche absurden Post-Hoc-Rationalisierungen ausdenken. Von den internen Widersprüchen solcher exegetischen Akrobatik mal abgesehen –die parsimonische Erklärung bleibt stets plausibler: Die höchstwahrscheinliche Nicht-Existenz eines göttlichen Schöpfers.

Alle diese unlösbaren theologischen Fragen entpuppen sich als Scheinprobleme, sobald die plausible Erklärung angelegt wird. Die Evolution ist ein ethisch blinder Vorgang, der sich mit dem Erscheinen der ersten replikationsfähigen Makromoleküle absichtslos durch naturgesetzliche Notwendigkeit in Gang gesetzt hat. Eine bewusste Planung, oder gar eine ethische Steuerung dieses Prozesses, finden nicht statt. Nur durch die unnötige Hinzunahme der fragwürdigen Gottes-Hypothese sind diese Selbstwidersprüche jemals entstanden. Die Selbstwidersprüche lösen sich sofort auf, sobald die Gottes-Annahme weggelassen wird.

Die Annahme einer gottgelenkten Evolution ist unparsimonisch (erfordert etliche weitere, unbegründete Zusatzannahmen), sie ist intern widersprüchlich zu den übrigen Dogmen der Theologie (Erbsünde, Leib-Seele-Dualismus, unsterbliche Seele abseits biologischer Funktionen) und steht im Widerspruch zu den Beobachtungsdaten. Gottgelenkte Evolution erfüllt alle Merkmale einer unwahren Hypothese.

Die Evolutionstheorie steht neben den Dogmen der abrahamitischen Religionen wie ein nicht-absorbierbarer Fremdkörper, über den man besser nicht zu gründlich nachdenkt. „Dann hat Gott die Tiere eben durch Evolution geschaffen, mir doch egal!“ Die weitergehenden Implikationen dieser Aussage werden ignoriert.

Eine ungelenkte, gott-freie Evolution ist eine elegante, parsimonische Erklärung, sie ist intern widerspruchsfrei und wird durch die Beobachtungsdaten bestätigt.

Gottfreie, ungelenkte, a-theistische Evolution erfüllt alle Merkmale einer wahren Hypothese. Sie eröffnet ein tieferes Verständnis der menschlicher Herkunft, unseres Verhaltensrepertoires, sogar der Entstehung kultureller Errungenschaften wie Sprache, Gesellschaftsformen, Wirtschaftsmodellen oder sogar von Religionen und ihren Glaubensinhalten.

9. Ich meine, je vollständiger wir Evolution in allen ihren Implikationen verstehen, desto informierter und kompetenter können wir unsere Zukunft entwerfen. Ein großer Teil des zivilisatorischen Prozesses besteht darin, fehlerbehaftetes Denken und unethische Verhaltensweisen zu überwinden, die unseren evolutionären Vorfahren einst einen adaptiven Nutzen verschafft haben – die heute aber sozial destruktiv wirken. (Gier, Neid, Tribalismus, Xenophobie, Vorurteile, Wunschdenken, fehlerhafte Erkenntnisheuristiken, kognitive Biases, Missachtung der Interessen nichtmenschlicher Tiere usw.)

Etliche Erkenntnisse der Evolutionsbiologie stehen direkt oder indirekt im Widerspruch zu religiösen Glaubensinhalten – oder sogar zur epistemologischen Praxis des Glaubens selbst. Ich meine, je umfassender wir die evolutionäre Herkunft unserer kognitiven Verzerrungen und unserer unethischen Impulse verstehen, desto eher sind wir davor geschützt, ihnen unbemerkt ausgeliefert zu sein.

10. Viele Naturwissenschaftler sind der Meinung, es sei ein riskantes Unternehmen, die offensichtliche Unvereinbarkeit von theistischem Glauben und Evolution klar und pointiert zu formulieren. Ich halte diese Bedenken für ein Zeichen  von Desorientierung über den Kern des Problems. Der Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris bringt es auf den Punkt: Das Ziel kann nicht sein, Gläubige durch gutgemeinte Verschleierung unbequemer Diskrepanzen zum Bejahen der einen oder anderen wissenschaftliche Erklärung zu manipulieren. Das Ziel muss sein, Menschen dazu zu erziehen, die Prinzipien des gebildeten Diskurses und der vernunftbasierten Erkenntnis wertzuschätzen, die das Akzeptieren der Evolution heute für jeden gebildeten Menschen verpflichtend machen.[13]

Zweifel an der Evolution sind lediglich ein Symptom eines größeren Problems – das Problem des religiösen Glaubens: Überzeugung ohne hinreichende Gründe – Hoffnung, die zur Gewissheit erhoben wird –  Realitätsbeschreibungen durch Wunschdenken.  Ich meine, ehrliche Schlussfolgerungen sind zumutbar. Die naturwissenschaftlichen Verteidiger  einer Vereinbarkeit von Theismus und Evolution scheinen anzunehmen, man könne Menschen zur Wertschätzung intellektueller Ehrlichkeit bewegen, indem man sie über die prinzipielle Unvereinbarkeit von Evolution und Theismus täuscht. Dem liegt die Annahme zugrunde, Menschen würden gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse und für den religiösen Dogmatismus entscheiden, wenn das Aufzeigen der Unvereinbarkeit sie vor eine Wahl stellt.

Diese Haltung betrachtet Gläubige als unmündige Kinder, deren Fähigkeit zur Vernunfteinsicht prinzipiell misstraut werden muss. Auf die Gefahr, durch die Realität widerlegt zu werden, unterstelle ich allen Menschen ein prinzipielles Interesse daran, eigene Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren. Die Annahme, Evolution und eine planvolle Lenkung der Evolution durch einen abrahamitischen Schöpfergott seien vereinbar, gehört ebenfalls zu diesen Irrtümern.


Anmerkungen

[1] Ein Beispiel: Ein Computerprogramm simuliert die Evolution bewegungsfähiger Würfel (selektiert nach ihrer Fähigkeit zur effektiven Fortbewegung). Derselbe Würfel evolviert bei jedem Neustart des Programms in beliebig viele verschiedene Anatomien – angetrieben durch zufällige Mutationen. Es gibt hier keinen „vorgezeichneten Entwicklungspfad“, sondern nur zufällige Folgen von Permutationen, die allein stochastischen Gesetzen folgen.
https://youtu.be/z9ptOeByLA4

[2] Richard Lenksi und seine Mitarbeiter züchten seit 1988 Tochter-Bakterien aus einem einzigen Bakterium der Gattung Escherichia coli, mittlerweile über 66.000 Generationen. Aus den genetisch ursprünglich identischen Tochterbakterien haben sich durch räumliche Isolation unterschiedliche Stämme evolviert – die sich durch unterschiedliche Mutationen unterschiedliche Stoffwechselwege erschließen. Auch hier gibt es keine Redundanz, keine „vorgezeichneten Entwicklungspfade“, sondern immer neue, ungerichtete Entwicklung, die ziellos im Raum der statistischen Möglichkeiten umher-mäandert.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/L-Gulonolactonoxidase

[4] diese scharfsinnige Analogie stammt von Marcus Müller
https://www.facebook.com/siijii/posts/10203510256155809

[5] Wie lassen sich effizientere Turbinenblätter entwickeln? Durch Verzicht auf Vorausplanung – durch Evolution.

Man lässt ein Computerprogramm zufällig irgendwelche Baupläne für Turbinenblätter zusammenwürfeln. Diese werden dann im virtuellen Windkanal getestet. Das Programm wählt die leistungsfähigsten Modelle aus und lässt sie miteinander „Nachwuchs zeugen“. Das Programm läuft über etliche Generationen.

Die leistungsfähigsten Turbinenblätter (bzw. deren Baupläne) entstehen ohne intelligente Planung, ohne bewusstes Design – allein durch zufällige Mutation und gezielte Selektion. In einen zufällig erwürfelten Nonsense-Code (Programmierzeilen für den Bauplan) wird schrittweise, kumulativ, über viele Generationen sinnvolle Information hineinselektiert. Diese sinnvolle Information entsteht ohne einen Designer, ohne Bewusstsein, ohne Absicht, ohne Planung. Niemand weiß im Vorfeld, wie das Endergebnis aussehen wird. Dabei entstehen Module ungeahnter Komplexität, denn komplexere Strukturen können die Aufgabe besser erledigen (pflanzen sich damit häufiger fort – und vererben ihre Komplexität an Tochtergenerationen weiter).
Ein überraschendes Ergebnis: Der Programmierer ist im Nachhinein zunächst enttäuscht. Die entstandenen Turbinenblätter erscheinen unsinnig, sie sehen bizarr und unförmig aus, sie laufen „verkehrt herum“. Der Praxistest zeigt aber, dass die planlos evolvierten Module leistungsstärker sind, als alle bisherigen, bewusst geplanten Designs. Je genauer der Ingenieur die evolvierten Modelle untersucht, desto mehr wächst sein Staunen, wie perfekt die Turbinen für ihre Aufgabe „designed“ erscheinen. Hier zeigt sich die Kraft blinder, evolutionärer Algorithmen.

[6] „Nun zur theologischen Seite der Frage. Dies ist schmerzlich für mich. Ich bin verwundert. Ich hatte gar nicht die Absicht, atheistisch zu schreiben. Aber ich gebe zu, dass ich nicht so deutlich, wie es andere sehen und wie ich es selbst gerne sehen würde, rings um uns her Beweise für Zweckbestimmung und Güte zu erkennen vermag. Es scheint mir zu viel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren, oder dass eine Katze mit Mäusen spielen soll.“(Charles Darwin, Brief an Asa Gray, 22.05.1860)
https://www.darwinproject.ac.uk/letter/DCP-LETT-2814.xml

[7] Li, H., and R. Durbin. 2011. “Inference of Human Population History from Individual Whole-Genome Sequences.” Nature 475:493–97

Sheehan, S., K. Harris, and Y. S. Song. 2013. “Estimating Variable Effective Population Sizes from Multiple Genomes: A Sequentially Markov Conditional Sampling Distribution Approach.” Genetics 194:647–62

[8] http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/papst-franziskus-kein-konflikt-zwischen-evolution-und-schoepfung-a-999893.html

[9] „Wenn es sich aber um eine andere Hypothese handelt, den so genannten Polygenismus, lässt die Kirche nicht die gleiche Freiheit. Darum können Gläubige sich nicht der Meinung anschließen, nach der es entweder nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, die nicht von ihm, als dem Stammvater aller auf natürliche Weise abstammen, oder dass Adam eine Menge von Stammvätern bezeichne, weil auf keine Weise klar wird, wie diese Ansicht in Übereinstimmung gebracht werden kann mit dem, was die Quellen der Offenbarung und die Akten des kirchlichen Lehramts über die Erbsünde sagen; diese geht hervor aus der wirklich begangenen Sünde Adams, die durch die Geburt auf alle überging und jedem einzelnen zu eigen ist.“ (Enzyklika „Humani generis“, Papst Pius XII., 12. August 1950)
http://www.stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm

[10] „O Ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat! Aus ihm erschuf Er seine Gattin. Aus beiden ließ Er viele Männer und Frauen entstehen, die sich überall verbreiteten.“ (Quran 4:1)

[11] „Gott schuf die Menschen in schönster Form. Erschaffung der Welt, Erschaffung der Lebewesen, der Engel und Dschinn, der Tiere und Pflanzen und zum Schluss die des Menschen, von Adam und Eva. Adam und Eva sind die ersten Menschen auf der Welt.“ (Bildungsplan für den islamischen Religionsunterricht  an den öffentlichen Grundschulen in Baden-Württemberg)

[12] „Diejenigen, die Gott und seine Gesandten verleugnen, einen Unterschied machen zwischen Gott und Seinen Gesandten und sagen, daß sie an einige Gesandte glauben und an andere nicht und meinen, sie könnten einen Weg dazwischen einschlagen, diese sind wahrhaftig die Ungläubigen. Für die Ungläubigen haben Wir eine schmähliche, qualvolle Strafe bereitet.“ (Quran 4:150)
Es ist anzunehmen, dass dieser Vers ursprünglich den gleichrangigen Prophetenanspruch Mohammeds in einer Gesellschaft festigen sollte, die alle anderen Propheten als faktische, historische Personen betrachtete.

[13] https://www.samharris.org/blog/item/the-strange-case-of-francis-collins

4 Antworten
  1. Torsten Paulsen
    Torsten Paulsen says:

    Würde die Wissenschaft im Erbgut eines jeden Lebewesens ein „© by Odin“ finden und damit den nordischen Gott als den lange gesuchten Intelligent Designer „entlarven“ – Kein Kreationist würde vom bisherigen Glauben abfallen und zur nordischen Religion wechseln!

    Antworten
  2. Stefan Wehmeier
    Stefan Wehmeier says:

    „Zum Herrscher der Welt geworden, wusste er nicht, was er jetzt unternehmen sollte. Doch eines war sicher: Er würde auch den nächsten Schritt tun!“

    Arthur C. Clarke
    (am Ende des Vorspanns und am Ende von „2001 – Odyssee im Weltraum“)

    Der Übergang von der Natur zur Kultur kann als der Übergang vom instinktiven zum bewussten Handeln aufgefasst werden, wobei das menschliche Bewusstsein aus einem einzigen Gedanken entstand, den Stanley Kubrick mit seinem „genialsten Schnitt in der Filmgeschichte“ visualisierte. Oberflächlich betrachtet könnte vermutet werden, dass der Gebrauch von immer besseren Werkzeugen im Verlauf von Millionen Jahren einen immer bewussteren Menschen entstehen ließ. Aber allein der Gebrauch eines Knochens als primitives Schlagwerkzeug bewirkt noch keinen nennenswerten Fortschritt. Auch Schimpansen benutzen einfache Werkzeuge, und sie haben sich kaum weiterentwickelt, seit sie vor etwa 6 Millionen Jahren aus gemeinsamen Vorfahren entstanden. Viel plausibler stellt sich das Geschehen mit dem Wissen dar, dass die Arbeitsteilung den Menschen über den Tierzustand erhob, und zwar nicht erst seit dem Beginn der Vorantike vor etwa 10.000 Jahren, sondern angefangen mit dem ersten Menschen überhaupt. Ein einzelner Australopithecus afarensis vor vielleicht 2,5 Millionen Jahren wurde zum ersten bewussten Menschen, indem er auf die großartige Idee kam, seine Artgenossen wie die Ameisen, die er schon lange beobachtet hatte, koordiniert zusammenarbeiten zu lassen. Er hatte bisher vergeblich versucht, diese großartige Idee (im Film symbolisiert durch den Monolithen) den „seinen“ begreiflich zu machen. Aber nachdem es ihm gelungen war, sich durch einen Akt der Gewalt gegenüber den „anderen“ zum Herrscher über die „eigenen“ zu machen, konnte er in einem einzigen Gedankengang die ganze zukünftige Entwicklung des Menschen voraussehen, zunächst zum Homo habilis, dann zum Homo erectus und schließlich zum Homo sapiens. In diesem Moment wusste der erste Mensch, dass er alle Zwischenergebnisse seiner großartigen Idee selbst miterleben würde – in immer neuen Wiedergeburten bis hin zum Endergebnis! Wer weit genug in die Zukunft denkt, wird in der Zukunft wiedergeboren. So einfach ist das.

    Im heute die ganze halbwegs zivilisierte Menschheit beherrschenden „Programm Genesis“ weiß niemand mehr von der Wiedergeburt – bis auf denjenigen, der das Programm selbst geschrieben hatte, um von der Vorantike in die Antike zu gelangen, in der er als erster die Neuzeit erfand:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/06/natur-und-kultur.html

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