Warum Navid Kermani nicht der erste muslimische Bundespräsident werden sollte

Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Publizist, wird zur Zeit immer wieder als Nachfolger für den derzeitigen Bundespräsidenten Joachim Gauck diskutiert. Kermani wurde mit zahlreichen Kultur- und Literaturpreisen ausgezeichnet. 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Außerdem ist er Muslim.

Navid Ker­mani auf der Frank­fur­ter Buch­messe 2012 | (cc) by Lesekreis

Navid Ker­mani auf der Frank­fur­ter Buch­messe 2012 | (cc) by Lesekreis

 

Die Diskussion um Kermani versteift sich vor allem auf seine religiöse Bekenntnis. Führende Politiker sind der Idee eines muslimischen Bundespräsidenten nicht abgeneigt, auch Amtsinhaber Gauck „will das nicht ausschließen“. Die Reaktionen zeigen zumeist, dass nicht die politischen Ansichten Kermanis wichtig erscheinen, sondern vielmehr die Tatsache, dass er Muslim ist. Das ist aber zu kurz gedacht. Für die Bekleidung eines politischen Amtes ist es vollkommen irrelevant, ob der betreffende Politiker an Allah oder Jesus glaubt oder sich von der Idee eines göttlichen Wesens gänzlich distanziert. Viel wichtiger ist, dass Politiker in einem weltanschaulich neutralen Staat die Verfassung höher gewichten als die Religion.

Der Säkularismus ist das Fundament für den Gesellschaftsvertrag, der die offene Gesellschaft hervorgebracht hat, die Mitteleuropa heute so lebenswert macht. Politische Entscheidungen dürfen auch deshalb nicht auf höheren (und moralisch oft niederen) göttlichen Weisungen basieren, weil sie dann nicht mehr rational ausweis- und verhandelbar sind. Sie erheben den Anspruch, für alle Zeit gültig zu sein. Gerade, weil Rechtsnormen (als Resultate politischer Entscheidungen) für alle Mitglieder der Gesellschaft verbindlich sein sollen, also für Muslime, Atheisten, Christen, Buddhisten etc. gleichermaßen, müssen sie auch für alle einsichtig sein. Länder, deren Politik nicht säkular ist, untergraben die Prinzipien der offenen Gesellschaft, nämlich Individualismus, Egalitarismus und Liberalismus, was man nicht zuletzt anhand der Entwicklung der Türkei beobachten kann.

Auch Deutschland hat erhebliche Säkularismusdefizite, die oft dazu führen, dass hart erkämpfte kulturelle Errungenschaften wie die Meinungsfreiheit oder Kinderrechte zugunsten der Religionsfreiheit unterminiert werden. Ein aktuelles Beispiel ist das 2012 beschlossene „Gesetz zur Beschneidung des männlichen Kindes“, mit welchem der Deutsche Bundestag Eltern das Recht einräumt, die Vorhaut ihres Sohnes entfernen zu lassen. Die Beschneidung ist ein risikoreicher, schmerzvoller, mitunter traumatisierender Eingriff, der mit der irreversiblen Amputation eines hochsensiblen, funktional nützlichen Körperteils verbunden ist, für dessen Entfernung es keine medizinischen Gründe gibt.[1]
Das Gesetz konnte vor allem deshalb realisiert werden, weil es vom Großteil der CDU getragen wurde. 215 CDU-Abgeordnete befürworteten die Beschneidung des Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit, 3 stimmten dagegen und 3 enthielten sich.[2] Die Vermutung liegt nahe, dass die Religionszugehörigkeit der Abgeordneten die Wahl maßgeblich geprägt hat.

Inwieweit auch Kermani in seiner angestrebten Funktion als Bundespräsident seine Religion höher gewichten würde als die Verfassung oder die Menschenrechte, kann vorab nicht in vollem Umfang beurteilt werden. Seine Beiträge im Rahmen der Beschneidungsdebatte machen allerdings wenig Hoffnung.

In einem Text für die Süddeutsche Zeitung[3] ergreift er Partei für den Schriftsteller Martin Mosebach, der sich für die Strafbarkeit für Blasphemie eingesetzt hat und in Folge dessen auch die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit eingeschränkt sehen will. Zwar ist Kermani nicht der Meinung, dass die Blasphemie eine Angelegenheit des Strafgesetzes sein sollte, wohl aber unterstellt er Blasphemikern im Zuge ihrer „religiösen Unmusikalität“, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu gefährden. Beschneidungskritikern, bzw. Menschenrechtsbefürwortern wirft er vor, „fundamentalistisch“ zu agieren, wenn sie sich gegen das religiöse Ritual der Beschneidung positionieren. Das Urteil eines Kölner Landgerichtes, das die religiöse Beschneidung 2012 zunächst verbot, weil es der Meinung war, dass das Wohl des Kindes über der freien Religionsausübung der Eltern (!) steht, bezeichnet Kermani als „anmaßend“. Allzu leichtfertig würden seiner Meinung nach viertausend Jahre Religionsgeschichte für obsolet erklärt, die hier allem Anschein nach vor allem darin besteht, dass Götter ein besonderes Interesse an Kindervorhäuten haben. Groteskerweise schließt er seinen Text damit, Blasphemie und das Einstehen für die Rechte der Kinder als „Vulgärrationalismus“ zu verunglimpfen, der nichts mit der Aufklärung zu tun habe. Wenn aber etwas aufklärerisch ist, dann ist es der Kampf für die Menschenrechte gegen unmenschliche göttliche Dogmen, die den Prinzipien des Egalitarismus, des Individualismus und des Liberalismus entgegenstehen.

Kermani ist, obgleich er sich in der säkularismusfeindlichen Regierung in guter Gesellschaft befände, aufgrund seiner religiös geprägten menschenrechtsfeindlichen Positionen, ein äußerst fraglicher potenzieller Bundespräsident.


Quellen

[1] http://pro-kinderrechte.de/bundestag-will-kinderrechte-beschneiden/

[2] http://stop.genitalmutilation.org/public/beschneidung-abstimmung-bundestag_12-12-2012_20121212_5.pdf

[3] http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-ueber-beschneidungen-triumph-des-vulgaerrationalismus-1.1397713

1 Antwort
  1. Axel Stöcker
    Axel Stöcker says:

    Ich denke auch, dass mit einem „Quotenmuslim“ im höchsten Staatsamt weder den Muslimen noch der Gesellschaft als Ganzes gedient wäre. Zu Herrn Kerami selbst kann ich nicht viel sagen, aber der Islam in Deutschland lässt m. E. derzeit noch zu viele Fragen offen, als dass die Zeit dafür reif wäre.
    Was die Beschneidung angeht, sehe ich durchaus die Problematik und bin auch etwas hin- und hergerissen. Man hat hier offenbar gegen die freie Religionsausübung bestimmter Gruppen, zu denen ja auch die Juden gehören, abgewogen. Das kann man kritisch sehen, es aber gleich als „menschenrechtsfeindliche Position“ zu bezeichen, ist dann wohl doch etwas überzogen.
    Zur „offenen Gesellschaft“ gehört eben auch die Möglichkeit der religiösen Traditionspflege, während der von Ihnen erwähnte „Egalitarismus“ ihr m. E. eher entgegensteht, denn wo alle gleich sind, ist Offenheit obsolet.
    Der Säkularismus des Staates ist ein hohes Gut, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Man darf allerdings die Religionen nicht durch Ideologien ersetzen, sonst treibt man vielleicht den Teufel mit Belzebub aus.

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