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Konfessionalität und Religiosität angehender Lehrkräfte in NRW

Aus den Studien zur LehrerInnen-Professionalität (StuLP) von Prof. Dr. Maria Anna Kreienbaum und Katja Schwaniger (M.A.) geht hervor, dass 89,9% derjenigen, die in NRW das Lehramt anstreben, (christlich-) konfessionell gebunden sind.[1] Demgegenüber sind nur 70,59% der Bevölkerung in NRW einer christlichen Religionsgemeinschaft (evangelisch und römisch-katholisch) zugehörig.[2]
Der hohe Anteil konfessionell gebundener Lehramtsstudierender ist schwer in Einklang zu bringen mit der degenerativen Entwicklung der Anzahl der Deutschen, die konfessionell gebunden sind als auch mit der immer weiter sinkenden Religiosität. Es deutet vieles darauf hin, dass die Konfession nur noch tradiertes Relikt der Elterngeneration ist, welches allerdings immer seltener mit einem persönlichen Glauben einhergeht. Außerdem ist die Diskriminierung von atheistischen oder andersgläubigen LehramtsanwärterInnen eine Ursache. Diese werden an staatlich finanzierten Konfessionsschulen systematisch benachteiligt.

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Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), die ihre Zahlen über das Statistische Bundesamt bezieht, waren 2003 31,3% der Deutschen römisch-katholisch, 31,3% evangelisch, 31,8% konfessionsfrei und 3,9% muslimisch. 2008 waren noch 30,00% katholisch und 29,9% evangelisch. 34,1% gehörten keiner der Konfessionen an.[3]

Der Trend wird von der Forschergruppe folgendermaßen zusammengefasst:

„Die katholische Kirche nimmt jährlich um ca. 0,6 Prozent, die evangelische um 0,3 Prozent ab. Bei letzterer werden die Verluste infolge Austritt und Generationenwandel (geringere Taufrate als Anteil der Kirchenmitglieder unter den Sterbefällen) z. T. ausgeglichen durch Zuwanderungen aus stärker evangelisch (und konfessionsfrei) geprägten Regionen. Die Konfessionsfreien nehmen um ca. 0,4 % zu., bei den Moslems wird in den nächsten Jahren beobachtet werden müssen, wie sich die Religiosität bei den Migranten besonders der zweiten und dritten Generation entwickelt.“ [4]

Dabei bleibt die Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland unverändert groß. Im Westen geben doppelt so viele Menschen an, täglich zu beten wie im Osten (24% gegenüber 12%).[5]

Die über die STULP-Studien ermittelte überdurchschnittlich hohe Konfessionalität bei LehramtsanwärterInnen (knapp 90%) gibt den Anschein, dass der Beruf für diese Population ansprechend ist. Fraglich ist, ob die Konfessionalität mit einem persönlichen Glauben an einen Gott einhergeht oder vielmehr Ausdruck einer traditionell ausgerichteten Lebensweise ist. Die Tatsache, dass die religiöse Sozialisation insgesamt abnimmt, könnte als erstes Indiz dafür gewertet werden, dass die Konfessionalität ohne eine damit einhergehende Identifizierung lediglich tradiert ist: Im Westen Deutschlands gaben die über 70-Jährigen zu 70% an, religiös erzogen worden zu sein. Dem stehen nur knapp 20% der Menschen zwischen 16 und 25 Jahren entgegen, die religiös erzogen wurden.[6]

 

These 1: Das Bekenntnis zu der christlichen Glaubensgemeinschaft ist Ausdruck einer traditionell ausgerichtete Lebensweise

Zur Überprüfung dieser These wurden 1435 Studierende (davon 1289 Lehramtsstudierende) anhand eines Fragebogens über Lehramtsforen aller Universitäten in NRW der Internetplattform Facebook befragt, der aber auch von Studierenden ausgefüllt wurde, die kein Lehramt anstreben (Vergleichsgruppe, 140 Personen). Hieraus geht hervor, dass sich Lehramtsstudierende bezüglich ihres persönlichen Glaubens an einen Gott, dem Wunsch, dass die eigenen Kinder konfirmiert/gefirmt werden und dem Wunsch nach einer kirchlichen Heirat nicht nennenswert von Studierenden unterscheiden, die nicht vorhaben, Lehrkraft zu werden. Sie sind aber wesentlich öfter konfessionell gebunden und wollen öfter, dass ihre Kinder getauft werden.
Die Konfessionalität derjenigen, die das Lehramt anstreben und denjenigen, die dies nicht tun, weist signifikante Unterschiede auf. 44,0% der Lehramtsstudierenden sind katholisch, 34,5% evangelisch, 6% gaben an, einer anderen Religion anzugehören und 15,5% sind konfessionell nicht gebunden. Somit sind insgesamt 78,5% christlich-konfessionell gebunden.

Konfessionalität_Gläubige

Die Konfessionalität bei denjenigen, die das Lehramt nicht als zukünftigen Beruf anstreben, ist bedeutend geringer. Hier sind 28,8% katholisch, 33,8% evangelisch, 10,8% fühlen sich einer anderen Religion zugehörig und 26,6% sind nicht konfessionell gebunden. Anhänger einer der beiden großen Kirchen in Deutschland sind hier folglich nur 62,6% der Studierenden.

Von den insgesamt 78,5% der konfessionell Gebundenen glauben allerdings nur 53,46% an einen Gott, womit die anfänglich formulierte These bestätigt ist, dass der „Glaube auf dem Papier“ nicht gleichzusetzen ist mit einem persönlichen Glauben an einen Gott.

 

Glaube der gläubigen

Bei der Vergleichsgruppe sind es immerhin 45,32%, die an einen Gott glauben. Der Unterschied ist nicht signifikant. Dass die Differenz zwischen Konfessionalität und dem Glauben an Gott hier nicht besonders groß ist, könnte auf den fast doppelt so großen Anteil anderer Religionsanhänger zurückzuführen sein, die konfessionell nicht gebunden sind.

Auf die Frage „Willst du, dass dein(e) Kind(er) getauft werden?“ antworteten 59,7% der angehenden LehrerInnen mit „Ja“. Obwohl knapp 80% der angehenden LehrerInnen konfessionell gebunden sind, verneinten 22,6% der TeilnehmerInnen die Frage, ob sie ihr Kind taufen lassen wollen und ca. 17,7% wollen diese Entscheidung den Kindern selbst überlassen. Dabei ist davon auszugehen, dass die Kinder, die gläubige Eltern haben, in der Regel religiös erzogen werden, wodurch eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie selbst gläubig werden und sich deshalb auch später noch freiwillig für eine Taufe entscheiden werden.

Bei der Frage, ob man sein (zukünftiges) Kind konfirmieren oder firmen lassen will, sind die Resultate ähnlich. 44,7% der angehenden Lehrkräfte bejahen dies, 24,5% negieren dies und ca. 30,8% wollen diese Entscheidung dem Kind selbst überlassen. Bei den Studierenden, die eine andere Berufsperspektive anstreben, stimmen 31,9% mit „Ja“, 39,3% mit „Nein“ und ca. 28,9% wollen diese Entscheidung dem Kind selbst überlassen.

Es ist aber deutlich geworden, dass die Taufe bei den Lehramtsstudierenden einen höheren Stellenwert als die Firmung oder Konfirmation hat und gerne auch „vorab“ schon von den Eltern entschieden wird (59,7% bejahten die Frage). Die Selbstbestimmung des Kindes wird bei den Lehramtsstudierenden hierbei nicht so betont (ca. 17,7%) wie bei der Frage, ob das Kind konfirmiert oder gefirmt werden soll (30,8%).

Bei der Frage, ob die TeilnehmerInnen gerne kirchlich heiraten würden, ist erkennbar, dass das Interesse an einer kirchlichen Heirat über einen persönlichen Glauben an Gott hinausgeht. 60,2% der LehramtsanwärterInnen haben den Wunsch, kirchlich zu heiraten, obwohl nur 53,5% davon an einen Gott glauben. Dazu kommt, dass viele im freien Zusatzfeld angegebenen haben, dass sie dies von ihrer Partnerin, bzw. ihrem Partner abhängig machen wollen. Auch unter denjenigen, die kein Lehramt anstreben ist die Zahl derer, die gerne kirchlich heiraten würden, relativ hoch (51,8%) und knapp über der Zahl der Religiösen (45,3%).

Hier könnte eine neue Studie ansetzen, die die Beweggründe für eine kirchliche Heirat beleuchtet. Eine These wäre zum Beispiel, dass diese Motive für die Entscheidung zu einer kirchlichen Heirat sich gewandelt haben und sich viele (auch nicht konfessionell Gebundene) mit dem ursprünglichen Sinn dieser Zeremonie (dem Bekenntnis der Liebe vor einem Gott) nicht mehr identifizieren. Dass das Interesse an einer kirchlichen Heirat dennoch so hoch ist, könnte auf ein über die Medien propagiertes Idealbild der romantischen Hochzeit zurückzuführen sein.[7]

Resümierend ist festzuhalten, dass die konfessionelle Gebundenheit tatsächlich oft Ausdruck einer traditionell ausgerichteten Lebensweise, bzw. der „Vererbung“ der Konfession entspringt und auffallend oft nicht mit einem persönlichen Glauben an einen Gott begleitet wird. Fraglich ist, ob dies in den nächsten Generationen weiterhin so sein wird, da die religiöse Erziehung immer seltener wird und die Weitergabe christlicher Traditionen nur noch aus einem Traditionsbewusstsein heraus geschieht als aus einem persönlichen Glauben und der religiös motivierten Identifikation mit institutionalisierten christlichen Ritualen. Es scheint in den Kreisen (angehender) LehrerInnen noch präsent zu sein, christliche Rituale zu praktizieren obgleich der ursprünglich dahinterstehende Sinn, nämlich vor allem der Glaube an einen Gott, seltener ausschlaggebend dafür sind. Zudem sind die genannten Traditionen (Taufe, Konfirmation/Firmung etc.) immer auch soziale Anlässe. Man lädt ein, trifft Verwandte, nähere und entferntere Bekannte und Gemeindemitglieder, erlebt und zeigt sich damit sozial eingebunden in die Wertegemeinschaft eingepasst. Folglich ist das Bekenntnis zu der christlichen Glaubensgemeinschaft oft Ausdruck einer traditionell ausgerichteten Lebensweise und nicht als Bekenntnis zur christlichen Ideologie zu verstehen.

 

Weitere mögliche Ursachen für den hohen Anteil konfessionell gebundener Lehramtsstudierender sollen im Folgenden kurz besprochen werden:

These 2: Die konfessionelle Bindung als Chancenvorteil zur Einstellung als LehrerIn aufgrund des mangelnden Laizismus im Bildungssystem

Nicht religiös motivierte Nützlichkeitserwägungen stellen eine weitere Determinante für die hohe Konfessionalität angehender Lehrkräfte dar. Die konfessionelle Gebundenheit bedingt bessere Einstellungschancen an Schulen. Im Schuljahr 2013/14 waren von 2891 der öffentlichen Grundschulen in NRW 879 katholisch und 94 evangelisch, was ca. einem Drittel entspricht.[8] In katholischen Bekenntnisschulen (der klaren Mehrheit der Bekenntnisschulen) werden katholische Bewerber um eine Lehr- oder Schulleitungsstelle bevorzugt eingestellt und befördert.[9] Diejenigen, die konfessionell gebunden sind, haben also bessere Einstellungschancen in Schulen, bzw. halten sich auch die Option offen, an Bekenntnisschulen eine Anstellung zu bekommen. Obwohl diese weltanschaulich nicht neutralen Schulen zu 0% von den Kirchen finanziert und nur aus öffentlichen Geldern gespeist werden, werden Mitglieder anderer Religionen oder AtheistInnen diskriminiert und benachteiligt, was mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes konfligiert und folglich als mangelnder Laizismus zu werten ist. Viele Lehramtsstudierende wissen um ihre besseren Einstellungschancen mit einer konfessionellen Bindung und behalten diese deshalb bei oder binden sich vor der Bewerbung noch an eine der Kirchen.

These 3: Die Kirche ist neben anderen Sozialisationsinstanzen (noch) eine der Hauptinstanzen zur Bildung von Moral

Die Kirche vermittelt Werte und Normen in der Gesellschaft und vertritt eine Moral, die den Anspruch hat, universell gültig zu sein. Schon früh akquiriert die Kirche potenziell Gläubige, hat ritualisierte Initiationsriten im Leben eines Menschen, ist institutionell großflächig ausgebaut und hat einen großen Schwerpunkt in der Jugendarbeit. Die Kirche bietet mögliche Konzepte der Lebensgestaltung und den Glauben als Begründung hierfür. Das alles führt dazu, dass viele Kinder und Jugendliche den „Caritas-Gedanken“ vermittelt bekommen, also lernen, sozial zu sein.

Dieses (Zurück-)Geben wollen ist etwas, das konfessionell Gebundene über die Kirche vermittelt bekamen, weswegen sie sich tendenziell eher solchen Berufsfeldern zuwenden, in denen sie dies praktizieren können. Dahingehend könnte die Konfessionalität und die kirchliche Sozialisation (insbesondere durch die Jugendarbeit der Kirchen) die Motivationsgrundlage sein, um LehrerIn werden zu wollen.[10]

 

Fazit

Dass die Konfessionalität bei den Lehramtsstudierenden überdurchschnittlich hoch ist (gemessen an der kompletten Bevölkerung in NRW) ist wahrscheinlich auf interdependente Determinanten zurückzuführen. Die Ergebnisse der hier vorgestellten Umfrage deuten darauf hin, dass die konfessionelle Bindung heute oft Ausdruck einer gesellschaftlich tradierten Lebensweise ist und weniger der Identifikation mit dem Sinn der christlichen Rituale entspringt. Die unter anderem über das Christentum geprägte deutsche Gesellschaft praktiziert diese Rituale folglich teilweise nur noch aus einem Traditionsbewusstsein heraus.

Auch die Diskriminierung von Atheisten oder Menschen anderer Weltanschauungen am Arbeitsmarkt ist ein Grund dafür, dass viele Lehramtsstudierenden zwecks besserer Einstellungschancen konfessionell gebunden bleiben.

 

Quellen

Der Text ist eine Zusammenfassung meiner Bachelor-Thesis, die ich bei Interesse gerne als Volltext verschicke. Bitte einfach eine Anfrage via E-Mail senden (oben rechts auf der Seite).

[1] Kreienbaum, Anna Maria, Schwaniger, Katja: „Präsentation des Forschungsprojekts StuLP (Uni-Wuppertal)“. http://www.stulp.uni-wuppertal.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/StuLP_aktuelle_Daten.pdf (06.01.16).

[2] Statistisches Bundesamt: „Bildung und Kultur. Studierende an Hochschulen. Wintersemester 2013/2014“ (Statistisches Bundesamt). https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Hochschulen/StudierendeHochschulenEndg2110410147004.pdf?__blob=publicationFile (06.01.16)

[3] Forschergruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid): „Religionszugehörigkeit, Deutschland Bevölkerung 1990 – 2013“. http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionszugehoerigkeit/Religionszugehoerigkeit_Bevoelkerung_2010_2013.pdf (09.01.16).

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] Pollack, Detlef / Müller, Olaf: „Religionsmonitor. Verstehen was verbindet. Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland.“ (Bertelsmann-Stiftung). http://religionsmonitor.de/pdf/Religionsmonitor_Deutschland.pdf (09.01.16).

[7] Hilfreich wäre es gewesen, in der Studie neben der Angabe zum Geschlecht ein Item hinzuzufügen, das die studierten Fächer erfragt. Theologiestudierende sind allein über die Zugangsvoraussetzungen schon konfessionell gebunden und über die Studienfachwahlmotivation mit höherer Wahrscheinlichkeit auch religiös. Auch könnte die Studienüberschrift „Religiosität bei LehramtsanwärterInnen“ mehr Theologiestudierende dazu verleitet haben, an der Studie zu partizipieren, da sie vermutlich ein persönliches Interesse daran hatten.

[8] Landtag Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage 1232 vom 13. Mai 2013 der Abgeordneten Monika Pieper PIRATEN Drucksache 16/2935 (Landtag Nordrhein-Westfalen). http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument?Id=MMD16/3263&quelle=alle (06.01.16).

[9] Horstkotte, Hermann 2010: „Protestantin darf Schule nicht leiten“ (Frankfurter Rundschau). http://www.fr-online.de/wissenschaft/bekenntnisschulen-in-nrw-protestantin-darf-schule-nicht-leiten,1472788,3077970.html (09.01.16).

[10] Um diese These zu stützen, müsste untersucht werden, wie die Kirche dabei hilft und die Entscheidung der konfessionell gebundenen LehramtsanwärterInnen mit beeinflusst hat, diesen Berufsweg einzuschlagen. Studien zur Studienwahlmotivation beinhalten bislang kaum Kategorien, die über die mannigfaltigen Sozialisationsinstanzen der TeilnehmerInnen informieren. Eine Studie könnte ansetzen an der Fragestellung, auf welche Weise und inwieweit Lehramtsstudierende über die Kirchen sozialisiert wurden.

 

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