Gott sitzt im Gehirn

Alles, was wir erleben, hat seinen Ursprung im Gehirn. So kommen Gotteserfahrungen auch nicht von ungefähr. Psychiater wissen seit Jahrzehnten, dass eine bestimmte Art der Epilepsie zu religiösen Gefühlen führt. Bei dieser sogenannten Herd-Epilepsie ist nur eine relativ kleine Hirnregion im linken Schläfenlappen betroffen (Schläfenlappen-Epilepsie). Diese Anfälle gehen einher mit dem Erlebnis göttlicher Gegenwart oder auch in direkter Kommunikation mit Gott zu sein. Es können Gefühle der höchsten Ekstase und tiefster Verzweiflung entstehen („Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“). Sogenannte Schläfenlappen-Persönlichkeiten erblicken überall kosmische Bedeutsamkeiten, auch in scheinbar trivialen Ereignissen.

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Vielen historischen Religionsstiftern wird nachgesagt, dass sie Epileptiker waren. Mohammed soll der Erzengel Gabriel den Koran (zufälligerweise in Arabisch) diktiert haben, Paulus glaubt, bei Damaskus eine Lichterscheinung und die Stimme von Jesus vernommen zu haben und auch die Klostergründerin Theresia von Avila führte vermeintliche Gespräche mit Engeln.

Dieses Gefühl der absoluten Wahrheit und Erleuchtung wird ironischerweise in den limbischen Strukturen gebildet, welche nichts bis wenig mit den denkenden, vernünftigen Teilen des Gehirns zu tun haben (wo Wahrheit von Unwahrheit normalerweise unterschieden wird). Dies kann dann gefährlich werden, wenn die vermeintlichen Wahrheiten Handlungen leiten. Eine Befragung von männlichen kanadischen Universitätsstudenten, die wöchentlich einen Gottesdienst besuchten, bereits epileptische Anfälle und als Kind religiöse Erlebnisse hatten, ergab, dass 40% von ihnen im Namen Gottes töten würden, wenn sie den Befehl dafür erhielten.

Der Neurowissenschaftler Michael Persinger konnte mittels transzerebraler Magnetstimulation Gottes-Erlebnisse förmlich induzieren. Rund 80% derjenigen, die über einen umgebauten Motorradhelm im Experiment eine Reizung der Seiten- und Schläfenlappen erfuhren, berichteten anschließend von spirituellen, als übernatürlich gedeutete Empfindungen. Ihre Körper schienen zu vibrieren oder schweben und die Probanden hatten das Gefühl, jemanden leibhaftig zu spüren („gefühlte Präsenz“). Schlaf-, Sauerstoff- und Glukose-Mangel, Angstzustände und Depressionen können zu vergleichbaren Effekten führen – was vielleicht erklärt, dass Gott oft in schwierigen Lebensumständen „gefunden“ wird.

Die spirituelle oder religiöse Deutung der Empfindungen hängt vom biografischen und kulturellen Kontext ab. Die Versuchspersonen wurden in der Regel nicht speziell vorbereitet, sondern nahmen an, es würde sich um einen Entspannungstest handeln. Die Empfindungen selbst hatten auch Skeptiker und Atheisten – und ebenso die Experimentatoren, die um die Wirkungen ja wussten. Elektrische Stimulationen der Schläfenlappen und limbischen Strukturen können neben außerkörperlichen Empfindungen auch traumartige Halluzinationen, Déjà-vu-Erlebnisse und diverse Seh- und Hör-Illusionen erzeugen, wie sie auch bei spirituellen Erlebnissen berichtet werden. Musik hat ebenfalls einen starken Einfluss auf das limbische System, was wiederum in religiösen Zusammenhängen von großer Bedeutung ist, besonders bei rituellen Tänzen und Zeremonien. Alzheimer-Patienten hingegen verlieren schon früh religiöse Interessen, was dazu passt, dass das limbische System durch die Erkrankung häufig zuerst massiv geschädigt wird.

Über die Existenz Gottes sagen diese Untersuchungen indes wenig aus. Sie zeigen nur Erklärungsansätze für den Ursprung des religiösen Gefühls auf und versuchen, dieses genauer zu erklären.


Quellen

Für ein grundlegendes Verständnis über die Funktionsweise des Gehirns empfehle ich folgendes Buch:
Gerhard Roth und Nicole Strüber (2014): Wie das Gehirn die Seele macht.

Vgl.
http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=30452144

Der Neurowissenschaftler Gerhard Roth über Gott im Gehirn:

3 Antworten
  1. kereng
    kereng says:

    Michael „Persianer“ heißt eigentlich Persinger, und die Ergebnisse seines Helm-Experiments konnten laut Wikipedia im Blindversuch nicht bestätigt werden.

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    • Felix Kruppa
      Felix Kruppa says:

      Danke für den Hinweis! Der Fehler ist wohl auf die Autokorrektur zurückzuführen.

      „Persingers Experimente wurden kürzlich von Pehr Granqvist und seinen Kollegen von der Universität Uppsala aufgegriffen. Ihre Doppelblindstudie mit Studenten in Schweden hat Persingers Ergebnisse nicht bestätigt. Bei 43 Versuchspersonen wurde der Helm mit schwachen Magnetfeldern (2 bis 7 Mikrotesla) eingeschaltet, bei 46 nicht, was weder die Probanden noch die Experimentatoren wussten. Auch zwei Drittel der Kontrollgruppe berichteten anschließend von spirituellen Erfahrungen. Diese wurden, so schlossen die Forscher, nicht vom Magnetfeld, sondern von der Aufgeschlossenheit fürs Experiment hervorgerufen. Wer von vornherein spirituelle Neigungen zeigt oder leichter beeinflussbar ist, glaubt auch eher, übersinnliche Wahrnehmungen zu haben.
      Persinger akzeptiert diese Kritik nicht. Viele seiner Experimente, die ebenfalls Doppelblind-Studien waren, hätten auf einem anderen Versuchsaufbau basiert als die von Granqvists Team: Die Testpersonen seien dort den Magnetfeldern zu kurz ausgesetzt worden und diese hätten ein anderes Fluktuationsmuster gehabt. „Meine Versuchsbedingungen wurden nicht repliziert, nicht einmal annähernd“, bemängelt Persinger. Zudem, argumentiert er, hätten auch nichtreligiöse Menschen von „Präsenz-Erlebnissen“ unter seinem Motorradhelm berichtet. Nur würden sie diese anders – eben nichtreligiös – interpretieren.“

      (http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=30452144)

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